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: Die heimliche Moderne

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In den Diskussionen über Jacob Burckhardts Blick auf sein Jahrhundert bahnt sich ein Wandel an. Er läßt sich an der jüngsten Aufsatzsammlung der Baseler Jacob Burckhardt Stiftung ablesen. In den Aufsätzen von 1994 dominierte noch das Bild des abgründigen Pessimisten, eines Apokalyptikers, der seine ...

          In den Diskussionen über Jacob Burckhardts Blick auf sein Jahrhundert bahnt sich ein Wandel an. Er läßt sich an der jüngsten Aufsatzsammlung der Baseler Jacob Burckhardt Stiftung ablesen. In den Aufsätzen von 1994 dominierte noch das Bild des abgründigen Pessimisten, eines Apokalyptikers, der seine Zeit als die einer "geschichtlichen Crisis" gesehen haben soll, die nur in Katastrophen wie der Herrschaft Hitlers und Stalins enden könne. Jetzt meldet sich ein anderer Ton. Im Zusammenhang mit Burckhardts Stellung zur Moderne ist von "obsoleten Mustern" (Volker Reinhardt) und "Schablonen" (Claudio Cesa) der herrschenden Interpretation die Rede.

          In einem Vortrag über "Burckhardt and modernity" versucht Alan Kahan, Burckhardt als einen Liberalen im Stil Benjamin Constants zu zeichnen. Im Vokabular und in seinen politischen Überzeugungen sei Burckhardt ganz und gar neunzehntes Jahrhundert, modern und sogar liberal gewesen. Es sei ein Fehler, ihn, wie Jörn Rüsen es 1994 getan hat und wie Rüsen und Fritz Stern es auch diesmal tun, als "Feind des Modernen" und Freund der vorrevolutionären und vorindustriellen Weltordnung zu zeichnen. Kahan schließt sich also der Bemerkung des Herausgebers des authentischen Textes der "Weltgeschichtlichen Betrachtungen", Peter Ganz, an, wonach Burckhardt "längst nicht so pessimistisch" gewesen sei, "wie viele seiner konservativen deutschen Leser meinten".

          Leider ignoriert Kahan aber einen Einwand, der sich sofort aufdrängt. Er zeichnet Burckhardt als einen aufgrund der Zeitläufte resignierenden Liberalen. Vor allem der Deutsch-Französische Krieg von 1871 sei es gewesen, der das liberale Credo Burckhardts gebrochen und dazu geführt habe, daß er seinen liberalen Gefühlen immer seltener Ausdruck gab. Dem steht aber entgegen, daß Burckhardt in einem zeitgeschichtlichen Exkurs wenige Wochen nach Ende des Krieges diesen "riesigen" Krieg nicht als ein Menetekel künftiger Übel, sondern im Gegenteil als das Vehikel eines heilsamen "Umschlags" in der politischen Entwicklung des Jahrhunderts interpretiert.

          Wenn Burckhardt die Anstiftung großer Nationalkriege 1871 als das einzige "Mittel" bezeichnet hat, mit dem man das "Treiben" hin zu Verfassungsstaat und Demokratie "hemmen oder abschneiden" könne, so hat er die Befürchtungen, die ihn zu einer solchen Sicht motivierten, zwei Jahre später in einem Nachtrag zu seinem Exkurs relativiert, wenn nicht widerrufen. Was Frankreich betraf, hatte er seine Darstellung schon 1871 mit der Bemerkung über die "vielleicht vorbildliche Republik" abgeschlossen, als die Frankreich aus der Krise hervorgegangen sei. 1873 trägt er nun nach, daß die bürgerliche Erwerbsgesellschaft mit der Stärkung der "constitutionellen Freiheit" in Frankreich bereits eine dauerhafte Lebenschance eröffnet hatte, auch in Preußen und Deutschland eigentliche Gewinnerin der Krise sei.

          Der Exkurs über "Ursprung und Beschaffenheit der heutigen Crisis" endet mit dem Ausblick auf die Entwicklung einer "rein erwerbenden Welt": "Die Massen wollen Ruhe und Verdienst, kann ihnen Republik oder Monarchie dies gewähren, so halten sie mit." Die geschichtliche Prognose, die sich Burckhardt aufdrängte, war daher die eines vielleicht weltweiten Sieges des als "Erwerbssinn und Machtsinn ausgeprägten Optimismus" nordamerikanischer Spielart. Diese Prognose entsprach der Diagnose, die er seinem Jahrhundert insgesamt gestellt hatte, daß die Cultur "heute dem Staat das Programm schreibt". Doch wenn dies im Sinne des zeitgenössischen Liberalismus eine optimistische Prognose war, war sie es auch für Burckhardt selbst?

          Winke aus Amerika

          Leider hat es Fritz Stern in seinem Vortrag über "Jacob Burckhardt: Der Historiker als Zeitzeuge" versäumt, sich dieser Frage zu stellen. Er vergab auf diese Weise eine Chance, seine amerikanischen Hörer für Burckhardt zu gewinnen. Denn Burckhardt hat wunderbare Sachen über die Nordamerikaner gesagt, er hat sogar zwischen ihrem Geist und dem freien und philosophischen Geist in den griechischen Kolonien eine Parallele gezogen. Und politisch und religiös hat er sie dem alten Europa als Muster hingestellt. In politischer Hinsicht, weil das nordamerikanische "selfgovernment" mit seiner Beschränkung von "Bundesregierung und Staatsregierungen auf die unumgänglichen allgemeinen Interessen" Europa einen "Wink" bezüglich der "wahren politischen Fähigkeit" gebe. Religiös, weil erst der Nachvollzug der dortigen Trennung von Kirche und Staat die Kirchen auch in Europa wieder zu einem "Element der Freiheit" machen könnte. Aber Fritz Stern will, daß bei Burckhardt keine Spur des Goetheschen "Amerika, du hast es besser" zu finden sei, ja daß er über das wirkliche Amerika nichts gewußt habe. Amerika sei für Burckhardt nur "das negative Vorbild, der Schrecken der Zukunft" gewesen.

          Ausschlaggebend für die Zuschreibung eines so negativen Urteils über Amerika ist wohl, daß auch Fritz Stern der Meinung anhängt, Burckhardt habe in "Erwerb und Verkehr", dem Hauptelement des amerikanischen Lebens, das "verheerende Ende des schöpferischen, unabhängigen Menschseins" gesehen. Ganz im Sinne der Rede von jener "allumfassenden Krise", in der sich Burckhardt angeblich gesehen, von der er aber nie gesprochen hat, schreibt er ihm mit der Verketzerung von "Erwerb und Verkehr" als der "jetzigen Hauptkraft der Cultur" einen ähnlich prinzipiellen und zivilisationsfeindlichen Kulturpessimismus zu wie den seinerzeit von ihm behandelten Lagarde, Langbehn und Möller van den Bruck.

          Wenn dies seiner Bewunderung keinen Abbruch tut, so wohl aus einem einzigen Grund, den Lionel Gossman in einem wunderbar informativen Beitrag über "Burckhardt in der amerikanischen Geisteswelt" (andere Beiträge referieren die Rezeption in Japan und Frankreich) aufdeckt. Er beschreibt die Rolle, die vor allem jüdische deutsche Emigranten während des Hitler-Krieges für die Rezeption Burckhardts in Amerika gespielt haben. Er zeigt, daß es nicht die teilweise in den Nationalsozialismus verstrickten deutschen Historiker Theodor Schieder oder Rudolf Stadelmann waren, die in Burckhardt den Apokalyptiker des Hitlerschen Totalitarismus entdeckten, sondern daß die Rede von der mit Hitler ihren Höhepunkt erreichenden "großen Krise der europäischen Kultur" und von Burckhardt als ihrem "Pathologen" schon 1944 in New York von Ernst Cassirer angestimmt worden ist. So meint auch Fritz Stern, "im Schatten von Hitlers Aufstieg" habe man Burckhardt "mit besonders leidenschaftlicher Anteilnahme gelesen".

          Heil aus der Katastrophe?

          Fritz Stern verschweigt, daß die großen "Prophetien", die man damals feierte, ihre bedenklichen Seiten haben. Heute liest man einige Zeilen weiter und verliert den Geschmack an ihnen. Man erschrickt bei dem Gedanken, daß Burckhardt die Militarisierung alles Daseins - "der Militärstaat muß Großfabrikant werden" - für ein Mittel halten konnte, mit dem Preußen zu einer "neuen intelligenten Herrschergewalt, für die Dauer" aufsteigen könne. Heute fragt man sich, wie Opfer und Gegner des Nationalsozialismus Burckhardts Reaktion auf Bismarck für eine Prophezeiung Hitlers nehmen konnten. Sie überlasen den "geschichtsphilosophischen Trost", den Burckhardt aus dem Gedanken an die "Ära von Kriegen" schöpfte, in die man jetzt eingetreten sei - falls nämlich mit ihnen ein neues Imperium Romanum "erkauft" werden könne.

          Burckhardts Vortrag streife das Bedenkliche, hat Nietzsche bemerkt. Diesem Bedenklichen ist Henning Ritter in seinem Vortrag über "Jacob Burckhardt as a Journalist" auf der Spur. Alles andere beruhigend, nennt er die Alternative zum sogenannten Fortschritt, die Burckhardt zeitweise im Sinne gehabt habe. Liberales und Reaktionäres mischten sich bei Burckhardt, wenn er eine siegreiche Entfaltung von Kräften für möglich erklärte, die mit dem ganzen modernen Fortschritt "abfahren" könnten, wenn er aber im selben Atemzug den seit "400 Jahren" herrschenden Fortschritt als die "große akustische Täuschung" apostrophiert, "in der wir leben". Wohl auch mit Blick auf die berühmte Schlußpassage der "Weltgeschichtlichen Betrachtungen", die von einer schrecklichen, aber die europäische Welt erneuernden Krise handelt, spricht Ritter vom verzweifelten Optimismus Burckhardts, der das Heilmittel in einer Katastrophe suche.

          Fürs Heil auf eine Katastrophe zu setzen war das Heikelste, was ein Betrachter der europäischen Politik zu Burckhardts Zeiten erwägen konnte. Wenn dieser typisch Burckhardtsche Gedanke überhaupt einmal hochrangig gewesen ist, so allenfalls im Zusammenhang mit seiner Interpretation der "durch die Kriege seit 1863 abgeschnittenen deutschen Crisis". Durch noch schlimmere Kriege werde Europa dank der Herausbildung einer Hegemonialmacht vielleicht zu einer neuen Pax Romana finden. Mit manchen späteren Äußerungen, die das "Aufräumen mit dem suffrage universel" nur noch von irgendeiner "haarsträubenden" Gewalt erwarteten, ist Burckhardt dagegen eher unter sein Niveau gegangen.

          Mehr Ehre machen ihm jene Beobachtungen, mit denen er dem "großen optimistischen Willen" eine Erfolgschance gibt. Für die Korrektur und Vervollständigung unserer Vorstellungen über Jacob Burckhardts "zeitgeschichtliche Ansichten" (Fritz Stern) sind daher auch Kahans Hinweise auf Burckhardts Bewunderung der freiheitlichen Entwicklung Englands wichtig. In der Tat war es nicht nur die Erfolgsgeschichte der Französischen Republik, sondern auch der Blick auf die Vorbildwirkung des "im Freiheitskampf entstandenen Holland und des in zwei großen Revolutionen konstitutionell und leidlich frei industriell gewordenen England", der Burckhardt bewog, in den "Historischen Fragmenten" einzuräumen, daß der ganze moderne Fortschritt am Ende doch "etwas Dauerndes (das heißt relativ Dauerndes)" bewirken könne.

          Die bisher in zwei Bänden veröffentlichten Vorträge der Burckhardtstiftung begleiten die Arbeiten an der neuen Kritischen Gesamtausgabe. Über deren Stand und Absichten gibt Andreas Cesana Auskunft. Die neuen Akzente im jüngsten Band - auch in Karl Joachim Weintraubs Vortrag über "Jacob Burckhardt and Self-conception" - geben Anlaß zu der Hoffnung, daß parallel zur kritischen Feststellung der Texte auch ein kritisches Bild des Zeithistorikers Burckhardt entsteht. Ob sich dann das Bild behaupten kann, das Jörn Rüsen zeichnet - er glaubt, bei Burckhardt Anleihen für seine eigene Konzeption eines "Historical Thinking as Trauerarbeit" machen zu können -, bleibt abzuwarten. Die Vorträge von Volker Reinhardt, Peter Ganz und Glen W. Bowersock über Burckhardts Beiträge zur Geschichte der Renaissance, des Mittelalters und der Spätantike zeigen jedenfalls aufs glänzendste, daß die Bewunderung für Burckhardt von einer gründlichen Kritik an ihm profitieren kann.

          PETER DIETRICH

          Andreas Cesana, Lionel Gossman (Hrsg.): "Begegnungen mit Jacob Burckhardt - Encounters with Jacob Burckhardt". Vorträge in Basel und Princeton zum hundertsten Todestag. Beiträge zu Jacob Burckhardt, Band 4. Schwabe Verlag, Basel, und C. H. Beck Verlag, München 2004. 380 S., geb., 39,- [Euro].

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