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: Die heimliche Moderne

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Burckhardts Vortrag streife das Bedenkliche, hat Nietzsche bemerkt. Diesem Bedenklichen ist Henning Ritter in seinem Vortrag über "Jacob Burckhardt as a Journalist" auf der Spur. Alles andere beruhigend, nennt er die Alternative zum sogenannten Fortschritt, die Burckhardt zeitweise im Sinne gehabt habe. Liberales und Reaktionäres mischten sich bei Burckhardt, wenn er eine siegreiche Entfaltung von Kräften für möglich erklärte, die mit dem ganzen modernen Fortschritt "abfahren" könnten, wenn er aber im selben Atemzug den seit "400 Jahren" herrschenden Fortschritt als die "große akustische Täuschung" apostrophiert, "in der wir leben". Wohl auch mit Blick auf die berühmte Schlußpassage der "Weltgeschichtlichen Betrachtungen", die von einer schrecklichen, aber die europäische Welt erneuernden Krise handelt, spricht Ritter vom verzweifelten Optimismus Burckhardts, der das Heilmittel in einer Katastrophe suche.

Fürs Heil auf eine Katastrophe zu setzen war das Heikelste, was ein Betrachter der europäischen Politik zu Burckhardts Zeiten erwägen konnte. Wenn dieser typisch Burckhardtsche Gedanke überhaupt einmal hochrangig gewesen ist, so allenfalls im Zusammenhang mit seiner Interpretation der "durch die Kriege seit 1863 abgeschnittenen deutschen Crisis". Durch noch schlimmere Kriege werde Europa dank der Herausbildung einer Hegemonialmacht vielleicht zu einer neuen Pax Romana finden. Mit manchen späteren Äußerungen, die das "Aufräumen mit dem suffrage universel" nur noch von irgendeiner "haarsträubenden" Gewalt erwarteten, ist Burckhardt dagegen eher unter sein Niveau gegangen.

Mehr Ehre machen ihm jene Beobachtungen, mit denen er dem "großen optimistischen Willen" eine Erfolgschance gibt. Für die Korrektur und Vervollständigung unserer Vorstellungen über Jacob Burckhardts "zeitgeschichtliche Ansichten" (Fritz Stern) sind daher auch Kahans Hinweise auf Burckhardts Bewunderung der freiheitlichen Entwicklung Englands wichtig. In der Tat war es nicht nur die Erfolgsgeschichte der Französischen Republik, sondern auch der Blick auf die Vorbildwirkung des "im Freiheitskampf entstandenen Holland und des in zwei großen Revolutionen konstitutionell und leidlich frei industriell gewordenen England", der Burckhardt bewog, in den "Historischen Fragmenten" einzuräumen, daß der ganze moderne Fortschritt am Ende doch "etwas Dauerndes (das heißt relativ Dauerndes)" bewirken könne.

Die bisher in zwei Bänden veröffentlichten Vorträge der Burckhardtstiftung begleiten die Arbeiten an der neuen Kritischen Gesamtausgabe. Über deren Stand und Absichten gibt Andreas Cesana Auskunft. Die neuen Akzente im jüngsten Band - auch in Karl Joachim Weintraubs Vortrag über "Jacob Burckhardt and Self-conception" - geben Anlaß zu der Hoffnung, daß parallel zur kritischen Feststellung der Texte auch ein kritisches Bild des Zeithistorikers Burckhardt entsteht. Ob sich dann das Bild behaupten kann, das Jörn Rüsen zeichnet - er glaubt, bei Burckhardt Anleihen für seine eigene Konzeption eines "Historical Thinking as Trauerarbeit" machen zu können -, bleibt abzuwarten. Die Vorträge von Volker Reinhardt, Peter Ganz und Glen W. Bowersock über Burckhardts Beiträge zur Geschichte der Renaissance, des Mittelalters und der Spätantike zeigen jedenfalls aufs glänzendste, daß die Bewunderung für Burckhardt von einer gründlichen Kritik an ihm profitieren kann.

PETER DIETRICH

Andreas Cesana, Lionel Gossman (Hrsg.): "Begegnungen mit Jacob Burckhardt - Encounters with Jacob Burckhardt". Vorträge in Basel und Princeton zum hundertsten Todestag. Beiträge zu Jacob Burckhardt, Band 4. Schwabe Verlag, Basel, und C. H. Beck Verlag, München 2004. 380 S., geb., 39,- [Euro].

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