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: Die heimliche Moderne

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Leider hat es Fritz Stern in seinem Vortrag über "Jacob Burckhardt: Der Historiker als Zeitzeuge" versäumt, sich dieser Frage zu stellen. Er vergab auf diese Weise eine Chance, seine amerikanischen Hörer für Burckhardt zu gewinnen. Denn Burckhardt hat wunderbare Sachen über die Nordamerikaner gesagt, er hat sogar zwischen ihrem Geist und dem freien und philosophischen Geist in den griechischen Kolonien eine Parallele gezogen. Und politisch und religiös hat er sie dem alten Europa als Muster hingestellt. In politischer Hinsicht, weil das nordamerikanische "selfgovernment" mit seiner Beschränkung von "Bundesregierung und Staatsregierungen auf die unumgänglichen allgemeinen Interessen" Europa einen "Wink" bezüglich der "wahren politischen Fähigkeit" gebe. Religiös, weil erst der Nachvollzug der dortigen Trennung von Kirche und Staat die Kirchen auch in Europa wieder zu einem "Element der Freiheit" machen könnte. Aber Fritz Stern will, daß bei Burckhardt keine Spur des Goetheschen "Amerika, du hast es besser" zu finden sei, ja daß er über das wirkliche Amerika nichts gewußt habe. Amerika sei für Burckhardt nur "das negative Vorbild, der Schrecken der Zukunft" gewesen.

Ausschlaggebend für die Zuschreibung eines so negativen Urteils über Amerika ist wohl, daß auch Fritz Stern der Meinung anhängt, Burckhardt habe in "Erwerb und Verkehr", dem Hauptelement des amerikanischen Lebens, das "verheerende Ende des schöpferischen, unabhängigen Menschseins" gesehen. Ganz im Sinne der Rede von jener "allumfassenden Krise", in der sich Burckhardt angeblich gesehen, von der er aber nie gesprochen hat, schreibt er ihm mit der Verketzerung von "Erwerb und Verkehr" als der "jetzigen Hauptkraft der Cultur" einen ähnlich prinzipiellen und zivilisationsfeindlichen Kulturpessimismus zu wie den seinerzeit von ihm behandelten Lagarde, Langbehn und Möller van den Bruck.

Wenn dies seiner Bewunderung keinen Abbruch tut, so wohl aus einem einzigen Grund, den Lionel Gossman in einem wunderbar informativen Beitrag über "Burckhardt in der amerikanischen Geisteswelt" (andere Beiträge referieren die Rezeption in Japan und Frankreich) aufdeckt. Er beschreibt die Rolle, die vor allem jüdische deutsche Emigranten während des Hitler-Krieges für die Rezeption Burckhardts in Amerika gespielt haben. Er zeigt, daß es nicht die teilweise in den Nationalsozialismus verstrickten deutschen Historiker Theodor Schieder oder Rudolf Stadelmann waren, die in Burckhardt den Apokalyptiker des Hitlerschen Totalitarismus entdeckten, sondern daß die Rede von der mit Hitler ihren Höhepunkt erreichenden "großen Krise der europäischen Kultur" und von Burckhardt als ihrem "Pathologen" schon 1944 in New York von Ernst Cassirer angestimmt worden ist. So meint auch Fritz Stern, "im Schatten von Hitlers Aufstieg" habe man Burckhardt "mit besonders leidenschaftlicher Anteilnahme gelesen".

Heil aus der Katastrophe?

Fritz Stern verschweigt, daß die großen "Prophetien", die man damals feierte, ihre bedenklichen Seiten haben. Heute liest man einige Zeilen weiter und verliert den Geschmack an ihnen. Man erschrickt bei dem Gedanken, daß Burckhardt die Militarisierung alles Daseins - "der Militärstaat muß Großfabrikant werden" - für ein Mittel halten konnte, mit dem Preußen zu einer "neuen intelligenten Herrschergewalt, für die Dauer" aufsteigen könne. Heute fragt man sich, wie Opfer und Gegner des Nationalsozialismus Burckhardts Reaktion auf Bismarck für eine Prophezeiung Hitlers nehmen konnten. Sie überlasen den "geschichtsphilosophischen Trost", den Burckhardt aus dem Gedanken an die "Ära von Kriegen" schöpfte, in die man jetzt eingetreten sei - falls nämlich mit ihnen ein neues Imperium Romanum "erkauft" werden könne.

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