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: Die große Sehnsucht, Pimpf zu sein

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Eine Erdbeere für Hitler"? Das ist erklärungsbedürftig: Im Jahr 1933 wollte ein Gärtner aus Malente-Gremsmühlen seine neue Erdbeer-Neuzüchtung "Hitler" nennen. Grund genug für einen so geschmacklos wirkenden Titel? Wahrscheinlich sollte er nur Aufmerksamkeit erregen und vom Untertitel "Deutschland ...

          Eine Erdbeere für Hitler"? Das ist erklärungsbedürftig: Im Jahr 1933 wollte ein Gärtner aus Malente-Gremsmühlen seine neue Erdbeer-Neuzüchtung "Hitler" nennen. Grund genug für einen so geschmacklos wirkenden Titel? Wahrscheinlich sollte er nur Aufmerksamkeit erregen und vom Untertitel "Deutschland unterm Hakenkreuz" ablenken, der bei vielen Jugendlichen Überdruß wecken dürfte, weil sie nicht nur in diesem Gedenkjahr mit dieser Thematik überfüttert werden. Auch die ersten sechsunddreißig Seiten, eine Zusammenfassung zur "Entstehung einer Diktatur" von Hans Mommsen, könnten eher eine Hemmschwelle sein. Kein leichter Start also für dieses Buch.

          Die sechs Beiträge, die Ingke Brodersen und Carola Stern hier versammelt und mit vielen Informationen und Illustrationen ergänzt haben, sind dennoch nachdrücklich zu empfehlen. Insgesamt ist dieses Buch der gelungene Versuch, eine Antwort zu finden auf die verstörenden Fragen: Was geschah in den zwölf Jahren des Dritten Reichs, und wie konnte es geschehen, daß die Mehrzahl eines ganzen Volkes seine moralischen Maßstäbe verlor und sich verführen ließ? Wie wuchs überhaupt der blinde Gehorsam, der das Denken ausschaltete? Jugendliche ab zwölf Jahren sollten über die dunkelste Zeit deutscher Geschichte Bescheid wissen; sie sollten immun werden gegen Parolen, wie sie heute wieder Glatzköpfe und rechte Rabauken verbreiten.

          Das Buch ist aufs beste geeignet, den Unterricht für Zeitgeschichte lebendig zu machen, weil es Geschichte leichtverständlich in exemplarischen Familiengeschichten vermittelt. Hilke Lorenz erzählt etwa, "wie die Nationalsozialisten den Alltag eroberten", wie sie Hoffnung weckten auf ein besseres Leben, in dem Deutsche nicht mehr die Verlierer sein würden. Der acht Jahre alte Karl, Sohn eines NSDAP-Ortsgruppenleiters, kann es kaum erwarten, Pimpf zu werden, von morgens bis abends mit "Heil Hitler" zu grüßen und strammzustehen. Es fällt ihm nicht schwer, "jawoll" zu sagen. Anders die etwas ältere, nachdenkliche Marianne, die aus einem christlichen Elternhaus stammt. Aber sie und ihre gleichgesinnten Freundinnen verstummen. Es wurde immer gefährlicher, seine Meinung zu sagen, auch die Eltern antworteten nur hinter geschlossenen Türen. "Paß auf, was du sagst!" rieten sie ihren Kindern.

          Wie die verschiedenen Familien eines Mietshauses in einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet sich unter der Diktatur verhielten und wie sie schließlich die Kriegsjahre und Bombennächte überstanden, beschreibt Ursula Wölfel. Nicht alle in diesem Haus waren wie der Blockwart Otto Schmitt von Anfang an von Hitler überzeugt. Bei der Wahl im November 1932 bekannten sich allein in diesem Haus sieben Wahlberechtigte zu einem klaren "Nein". Anfangs wagte der Nachbar Erich Keller, ein ehemaliger Sozialdemokrat, noch seinem alten Freund, dem Blockwart, zu widersprechen; doch dann schwieg auch er. Menschen wie der allseits geschätzte Hausbesitzer Mayer waren selten. Er riskierte sein Leben, als er Juden in seinem Möbellager versteckte und ihnen Papiere und Lebensmittel verschaffte.

          Miriam Pressler hat in den letzten Jahren immer wieder authentische Geschichten von jüdischen Kindern erzählt, die unter dramatischen Umständen überlebt haben. Hier berichtet sie von einer Gruppe Jugendlicher, die nach Palästina auswandern wollten, aber vorerst in Dänemark landeten. Auch hier waren sie nicht sicher, obwohl viele Dänen beispielhaft für "ihre" Juden eintraten. Ende 1943 wurden die Kinder in Viehwaggons nach Theresienstadt abtransportiert. Wie durch ein Wunder überlebten sie. Sie hatten die Hoffnung nicht aufgegeben, doch noch ihre Eltern wiederzufinden. "Nicht alle Deutschen sind Nazis", trösteten sie sich, "manche haben auch Juden geholfen." Es waren beschämend wenige.

          "Von Menschen, die Widerstand leisteten", erzählt Hermann Vinke nach all den Schilderungen von Menschen, die sich anpaßten, Verbrechen hinnahmen oder sich sogar daran beteiligten. Vinke erinnert nicht nur an die Geschwister Scholl und die Männer und Frauen des 20. Juli. Fast unbekannt geblieben sind die Dolmetscherin Hiltgunt Zassenhausen, die Österreicherin Régine Krochmal oder die Belgierin Cato Bontjes van Beek. Unter Lebensgefahr warnten sie Gefährdete, versteckten sie und verhalfen ihnen zur Flucht. Zehntausend sind auf diese Weise gerettet worden, eine bedrückend geringe Zahl angesichts der Millionen, die umkamen.

          Wie es nach Kriegsende weiterging, erzählt Hartmut von Hentig in einem sehr persönlichen Beitrag. Befreiung, Zusammenbruch und die Erschütterung über die Verbrechen erlebte der junge Soldat in einem amerikanischen Gefangenenlager. Daß die Deutschen aus dem Scherbenhaufen von Schuld, Verbrechen und Zerstörung zu "einer Gemeinschaft des Rechts und der Gesittung" zurückfanden, ist ein Wunder, selbstverständlich ist es nicht. Und gefährdet bleibt diese Gemeinschaft trotz aller Kraft, über welche die Demokratie der Nachkriegszeit verfügt, auch heute noch. Deshalb sind Bücher wie dieses notwendig.

          MARIA FRISÉ

          Carola Stern, Ingke Brodersen (Hg.): "Eine Erdbeere für Hitler - Deutschland unterm Hakenkreuz". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 250 S., geb., 19,90 [Euro]. Ab 12 J.

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