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: Die glänzende Formel von der Antiquiertheit des Menschen

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Er war der Kaspar Hauser unter den großen Philosophen des 20. Jahrhunderts: Günther Stern, der unter dem Namen Günther Anders bekannt wurde und als Autor des zweibändigen Klassikers über "Die Antiquiertheit des Menschen" Geistesgeschichte schrieb. Der gebürtige Breslauer und ehemals deutsch-jüdische Emigrant ...

          Er war der Kaspar Hauser unter den großen Philosophen des 20. Jahrhunderts: Günther Stern, der unter dem Namen Günther Anders bekannt wurde und als Autor des zweibändigen Klassikers über "Die Antiquiertheit des Menschen" Geistesgeschichte schrieb. Der gebürtige Breslauer und ehemals deutsch-jüdische Emigrant lebte zuletzt "hierzudorfe in Wien", wie er zu sagen pflegte, und starb 1992 im Alter von 90 Jahren. Als Kulturkritiker war er ein Naturtalent: Eindringlich und mit analytischer Klarheit beschreibt er das "prometheische Gefälle" zwischen dem, was Menschen anstellen und herstellen können und dem, was sie sich vorstellen können. Auch aus diesem Grund verdient die Erinnerung an "Leben und Werk" von Anders, wie die Aufsatzsammlung "Zugänge" im Untertitel heißt, Anerkennung.

          Acht erhellende und anregende Essays hat der Herausgeber Raimund Bahr darin zusammengestellt: geistesgeschichtliche Analysen und literarische Reflexionen. Der Betreiber der Internet-Plattform "Günther Anders Forum", der als Schriftsteller und Philosoph im österreichischen St. Wolfgang lebt, unternimmt darin eine "Annäherung an die Biographie". Als Kind der sogenannten No-future-Generation, dessen politische Erweckungszeit mit der Nachrüstungs- und Ökologie-Debatte in den achtziger Jahren zusammenfällt, bedenkt der Autor des Jahrgangs 1962 eigene apokalyptische Bedrohungserfahrungen aus dem Blickwinkel von Anders und erläutert dessen Anziehungskraft. Anders hatte bereits am 6. August 1945, dem ersten Atombombenabwurf, den Beginn einer neuen Zeitrechnung festgestellt, weil von nun an die "Menschheit unrevozierbar fähig war, sich selbst auszurotten". Seine Konsequenz war das "Prinzip Verzweiflung", aus dem er nur scheinbar paradoxerweise die politische Hoffnung auf eine gesellschaftliche Veränderung schöpfte. Die Vorstellung der in reale Reichweite gerückten Weltvernichtungsmöglichkeit sollte die Menschen zur Umkehr bewegen, damit das Schlimmste nicht eintrete.

          Warum fehlt bislang eine umfassende Biographie? So fragt Bahr zu Recht, der sich vorgenommen hat, diese Lücke durch eine Buchveröffentlichung im kommenden Jahr zu schließen, und hier eine Skizze mit Vorüberlegungen präsentiert. Eine Ursache sieht der Autor darin, dass eine Beschäftigung mit dem ungeheuer radikalen Anders automatisch eine eigene Standortbestimmung nach sich ziehe. Zudem lägen bislang kaum Übersetzungen von Anders-Werken für den englischsprachigen Raum vor. Auch seien sich die wissenschaftlichen Philosophen, die Germanisten und die Historiker nicht einig, wie er einzuordnen sei: Philosoph? Kulturkritiker? Schriftsteller? Sicherlich ist er das alles, doch vor allem war er ein überzeugter Außenseiter, der den Ruf auf einen wohlbestallten Lehrstuhl für Philosophie Ende der fünfziger Jahre an die Freie Universität Berlin ablehnte, um seine Unabhängigkeit zu wahren.

          Welche Tiefenschärfe sein Problembewusstsein schon frühzeitig entwickelt hat, zeigt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in einer Analyse von Ähnlichkeiten und Unterschieden der Philosophen der technischen Welt: Anders und Hans Jonas.

          Beiden gemeinsam ist die Sorge um die Zukunft der Menschheit unter den Bedingungen technischer Selbstvernichtungsfähigkeit. Doch unterscheiden sie sich in der theoretischen Diagnose des philosophischen Problems. Schon bei der Frage, ob und warum es überhaupt Menschen geben soll, kommen sie zu verschiedenen Ergebnissen. Jonas hatte angesichts der Bedrohung der Gattung Mensch in seinem Spätwerk "Das Prinzip Verantwortung" bei der Beantwortung der Frage, warum Menschen sein sollen, von einer besonderen Seinswürdigkeit des Menschen auf die Erfordernis der Menschheitsfortdauer geschlossen. Anders hatte dagegen schon Jahrzehnte früher im ersten Band der "Antiquiertheit des Menschen" Versuchen, ein besonderes Seinsrecht des Menschen zu begründen, eine Absage erteilt. Dass die Existenz der Menschheit nicht begründbar sei, beinhaltet für ihn jedoch nicht ihre Vernichtbarkeit.

          Nach Auffassung beider Philosophen reicht die traditionelle Ethik für den Umgang mit einer Technik, die die Bedingungen des Menschseins selbst verändert oder gar zerstört, nicht mehr aus. Jonas und Anders formulieren deshalb das Sittengesetz Kants um. Für Jonas stellt sich nun die Aufgabe, einen Imperativ zu formulieren, der den Fortbestand der Menschheit mitberücksichtigt und zugleich die Voraussetzung, dass Menschen sein sollen, begründet. Dieser Imperativ lautet: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Diese Verantwortungsethik stellt die Erhaltung des Lebens in den Mittelpunkt und macht sie zum Maßstab des Handelns.

          Sowohl Jonas als auch Anders befürchten, von einer Technisierung der Welt könne weniger ein Zugewinn von Freiheit als vielmehr eine schleichende Dehumanisierung ausgehen. Als Antwort auf diese Herausforderung verlagerte Anders das Moralproblem in die Strukturen der technischen Gerätewelt und fordert: "Habe nur solche Dinge, deren Handlungsmaximen auch Maximen deines eigenen Handelns werden könnten."

          HANS-JOACHIM FÖLLER.

          Raimund Bahr (Hrsg.): "Zugänge". Günther Anders. Leben und Werk. Edition Art & Science, Wien, St. Wolfgang 2007. 152 S., br., 15,- [Euro].

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