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: Die Geschichte einer Nonne

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Warum tut eine das? Das ist die Kinderfrage, mit der man unwillkürlich dieses Buch aufschlägt. Eine einundzwanzigjährige Frau beschließt, ins Kloster zu gehen, zu den Benediktinerinnen. Sie hat keine gute Jugend hinter sich, aus dem Elternhaus riss sie mit fünfzehn aus, um ihrem Vater, einem "cholerischen Alkoholiker", zu entkommen.

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          Warum tut eine das? Das ist die Kinderfrage, mit der man unwillkürlich dieses Buch aufschlägt. Eine einundzwanzigjährige Frau beschließt, ins Kloster zu gehen, zu den Benediktinerinnen. Sie hat keine gute Jugend hinter sich, aus dem Elternhaus riss sie mit fünfzehn aus, um ihrem Vater, einem "cholerischen Alkoholiker", zu entkommen. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin war sie in einem psychiatrischen Jugendheim beschäftigt. Mit achtzehn lernt sie den katholischen Ritus kenne, fühlt sich - so, wie sie Kirchen als Schutzraum immer schon mochte - davon angezogen und nimmt den katholischen Glauben an. Dann kommt jener Tag im Jahr 1987, an dem sie ihre Habseligkeiten packt und zum Kloster fährt, das sie schon gelegentlich besucht hatte. "Mit Abschieden habe ich mich nie lange aufgehalten" - so beginnt sie ihren Bericht "Was in zwei Koffer passt", der soeben bei Goldmann erschienen ist. Das Umschlagbild zeigt eine sehr eigenwillige Frau mit einem Blick wie ein Schraubstock.

          Es ist ein erstaunliches Buch, das seine Spannungskurve behält, gerade weil man glaubt, sein Ende zu kennen. Beinahe zwölf Klosterjahre sind es geworden, und was in dieser langen Zeit sich an Verwandlungen ereignet, das ist ein ganz normaler, aber eben authentischer Klosterkrimi - im Gegensatz zu der Meterware von pseudoreligiösen Thrillern, die seit Dan Browns Welterfolg die Verlagsprogramme verstopfen. Es beginnt mit dem Abschied aus einem bürgerlichen Leben, das gerade Anlauf genommen hat, ja dessen beste Jahre unmittelbar bevorzustehen scheinen. "Benedicite" steht in geschmiedeten Lettern an der Klosterpforte - "Seid gesegnet". Um herauszufinden, ob sie gesegnet ist, ob sie Antworten auf ihre drängenden Sinnfragen bekommt, lebt die junge Frau zunächst ein halbes Jahr in Zivil unter den Nonnen, der erste Schritt eines langwierigen Ein- und Unterordnungsprozesses, der erst nach fünfeinhalb Jahren mit der Profess zur vollgültigen Aufnahme in die Gemeinschaft der Konventschwestern führt.

          "Die eigene Person mit ihren Nöten und Schwächen würde klein und unwichtig werden, stellte ich mir vor, angesichts der Größe und Erhabenheit des nur dem Geistigen dienenden Ortes und der alle Unterschiede auslöschenden Einheit des auf- und abklingenden Psalmengesanges." Stellte ich mir vor: Die Erkenntnis, sich von sämtlichen Vorstellungen lösen zu müssen, bereitet ihr heftige Schmerzen. Noch hallt die Gegenwehr der Freunde nach, die ihr Familienersatz sind - Max, den sie verlassen hat und der später mit ihrer Freundin Lina zusammen eine Familie gründet, will sie nie mehr wiedersehen. Die widerspenstige Einzelgängerin ist weit davon entfernt, in die Rubrik "hoffnungsvoller Nachwuchs" zu fallen; aber sie tut als Postulantin den Schwestern doch auch unrecht, wenn sie ihnen unterstellt, nur auf "katholische, jungfräuliche Akademikerinnen" zu setzen. Denn die Frauen, die diese "merkwürdigste Art gemeinschaftlichen Lebens" führen, kommen aus unterschiedlichsten Milieus, von der promovierten Kunsthistorikerin bis zur handfesten, fluchenden Gärtnerin ist alles dabei.

          Der Weg Veronikas bleibt steinig, auch als Novizin. Glaubenszweifel, innere Widerstände, Aufbegehren treiben sie um; Glauben, ohne zu fragen, das ist ihre Sache nicht. Immer wieder will sie ausbrechen, ein selbstbestimmtes Leben führen, Musik hören, rauchen, trinken, Sex. Und doch überwindet sie diese Anfechtungen, auch weil ihr die Schwestern mit kleinen Gesten Wegweiser geben. Sie fügt sich in den strengen Tagesablauf, lernt den Schutzraum des Klosters lieben, hält aber weiterhin Kontakt zur Außenwelt durch Besorgungsfahrten, Bücher und CDs, die sie geschenkt bekommt. Sie weiß, dass sie als Wackelkandidatin gilt, dass viele Zweifel haben, ob sie ernsthaft dazugehören will. Aber das Leben nach der im sechsten Jahrhundert formulierten "Regula benedicti" scheint eintausendvierhundert Jahre später durchaus interpretationsbedürftig. "Voluntatem propriam odire", den Eigenwillen hassen, wie es Benedikt von Nursia seinen Mönchen auftrug, das gelingt Schwester Veronika nicht.

          Das Buch ist eine Zeitreise zurück in jene Jahre, die sich offensichtlich unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben haben. Dabei hält es die Balance zwischen Selbsterforschung und Selbstschutz. Die Schilderung des klösterlichen Alltags, seiner Rituale, seiner großen Ansprüche und seiner liebenswürdigen Schrulligkeiten ist voraussetzungslos geschrieben - sie soll nicht belehren. Sentimentalität ist erlaubt, aber in der Summe sind die zweihundertfünfzig Seiten in schlichtem Duktus schnörkellos erzählt. Die Autorin denunziert nicht, und sie glorifiziert nicht. In die Karten ihrer Glaubenskämpfe lässt sie sich ungern schauen.

          Die neue Äbtissin Schwester Raphaela hält zu der sperrigen Mitschwester, als die letzte Aufnahmehürde bevorsteht. Nachdem sie das ewige Gelübde abgelegt hat, beginnt sie ein Fernstudium in Theologie. Nach bestandenem Examen soll sie die angestaubte Buchhandlung auf Vordermann bringen, weil das Kloster die Einnahmen dringend benötigt. Diese Position außerhalb der Mauern und im Dienst des Mammons ist eigentlich als Verbeugung vor ihren Fähigkeiten gemeint, aber Schwester Veronika hadert sehr mit der Aufgabe: "Ich bin nicht ins Kloster gegangen, um Geschäftsfrau zu werden", schnappt sie gegen die Äbtissin.

          Entgegen ihrer Maxime macht sie es sich mit dem Abschied dann doch schwer. Es ist eine Anti-Klimax, die das Leben schrieb: Die irdische Liebe siegt über die göttliche. Ein verheirateter Mann namens Vince ist aufgetaucht, der sich immer häufiger in der Buchhandlung blicken lässt. Er schwärmt für die gleichen Bücher (Johnson, Dostojewski, Botho Strauß). Aus dem Vertrauensverhältnis wird im Lauf zweier Jahre tiefe Zuneigung. Und dann löst ein Satz der Äbtissin das Finale aus: Die "Flüchterin" verlässt Knall auf Fall das Kloster. Scheidung hier, Ende des Zölibats dort. Eingeholt von der Liebe.

          Vince ist im wirklichen Leben der Schriftsteller Christoph Peters ("Ein Zimmer im Haus des Krieges"). Das Paar lebt heute mit seiner gemeinsamen Tochter in Berlin. Bevor Veronika Peters das Buch schrieb, ist sie noch einmal in "ihr" Kloster gefahren, hat mit den Schwestern geredet, weil sie sie nicht hintergehen wollte. Der Bitte, den Namen des Klosters nicht zu erwähnen, hat sie entsprochen. Ob die dortige Buchhandlung, in der sich der Abschied vom Klosterleben anbahnte, das Buch der ehemaligen Mitschwester verkauft? Es wäre ein Zeichen von Größe.

          HANNES HINTERMEIER

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