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: Die Gazelle nahm den kleinen Hayy aus der Kiste und mit nach Hause

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          In Arnold Zweigs Novelle um den Staufer Friedrich II. ("Der Spiegel des großen Kaisers") taucht manchmal auch ein "behelmter Schwarzbart im Turban" namens Abu Bekr ibn Tophail auf, "den der Glaube an den Vorherbestimmer gleichmütig im Wechsel des Glücks senkrecht hielt wie eine Fahrtboje in den Wellen der Flut". Dieser Muslim ist der um 1110 in Andalusien geborene Arzt und Philosoph Abu Bakr ibn Abd al-Malik ibn Muhammad Ibn Tufail al Qaisi (gestorben 1185).

          Von seinem Leben ist wenig bekannt. Mit dem Kalifen Abu Yaqub Yusuf, der von 1163 bis 1184 regierte, war er bekannt und wurde dessen Leibarzt. Den berühmten Philosophen Ibn Ruschd (Averroes) führte er als seinen Nachfolger in dieses Amt ein. Bekannt wurde Ibn Tufail besonders durch seinen philosophischen Roman "Risalat Hayy ibn Yaqzan" (Abhandlung von dem Lebenden, Sohn des Wachenden), der in der lateinischen Übersetzung von Edward Pocock jun. (Oxford 1671) unter dem Titel "Philosophus Autodidactus" Weltruhm erlangte.

          Der Roman zählt zu den meistübersetzten und bekanntesten philosophischen Abhandlungen in arabischer Sprache. In Johann Heinrich Zedlers "Großem vollständigen Universal-Lexicon" werden in Band 27 (1741) in dem Artikel über arabische Philosophie Ibn Tufails "vornehmste 28 Thesen" zur Physik und Metaphysik aufgelistet. Dieses Buch kann weitaus eher als Klassiker bezeichnet werden als die Schriften zur Philosophie der heute mehr im Mittelpunkt stehenden Philosophen Al-Farabi, Avicenna und Averroes. In Deutschland wurde besonders die immer wieder nachgedruckte Übersetzung von Johann Gottfried Eichhorn bekannt, die auf Anraten Gotthold Ephraim Lessings bei Friedrich Nicolai 1782 erschien unter dem rousseauschen Titel "Der Naturmensch". Die neue Übersetzung aus dem Arabischen von Patric O. Schaerer hat eine umfangreiche Einleitung, die in den Roman einführt, ihn kenntnisreich in die Philosophie im islamischen Raum einbettet und seine Wirkungsgeschichte nachzeichnet. Die Übersetzung liest sich flüssig; die gelehrten Anmerkungen beschränken sich auf das Notwendige. Das Buch ist ein großer Gewinn für die "Philosophische Bibliothek".

          Der Held des Romans, Hayy, wird kurz nach seiner Geburt in einem Kistchen im Meer ausgesetzt und an eine unbewohnte Insel getrieben. Eine Gazelle zieht den Säugling auf. Sein Leben wird in Abschnitten beschrieben, und zwar von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahr, vom achten bis zum 21., vom 22. bis zum 35., vom 36. bis zum 50. Lebensjahr. Im letzten Abschnitt begegnet unser Robinson Crusoe seinem Freitag, der hier Absal heißt. Alles, was Hayy auf der Insel lernt, lernt er nur durch den Gebrauch des eigenen Verstandes, selbst die verborgensten Geheimnisse der Wissenschaften werden ihm klar. Allein durch eigenes Denken erkennt er auch, daß es einen Gott gibt, der vollkommen, allmächtig, allwissend und barmherzig ist. Ein philosophisches Buch oder ein Koran befinden sich nicht auf der Insel. "So erfährt man, daß Hayy nur durch den Gebrauch des natürlichen Urteilsvermögens alle jene gewöhnlichen Philosophen, die eher durch fremdes als durch das eigene Urteilsvermögen weise sind, übertroffen hat" - so Leibniz begeistert in einem Brief im Februar 1672.

          Etwa zweihundert Jahre später wird Ernst Bloch ganz ähnlich bemerken, der philosophische Naturmensch, eine Mischung aus Abraham und Kant, "wird eigenen Auges der Natur und Weisheit kundig, unverwirrt von Priesterlehre und ohne die mythischen Surrogate der nie zum Denken gelangten, der vom Denken ferngehaltenen Menge". Bloch bezeichnet ein solches Denken als "Aristotelische Linke". Ob Leibniz und Bloch Ibn Tufail richtig interpretieren, sei dahingestellt, denn es gibt auch Möglichkeiten, ihn mystisch-sufisch zu lesen, wie es Quäker und Pietisten versucht haben. Der Autor selbst schreibt am Ende des Buches, es enthalte "Worte, die noch in keinem Buch zu finden und in keiner gewöhnlichen Rede zu hören sind. Es handelt sich dabei um ein verborgenes Wissen, das nur Leute, die über Gotteserkenntnis verfügen, begreifen können."

          Verborgenes Wissen wird verhandelt, "das Geheimnis der Geheimnisse" - der Leser wird entscheiden müssen, welches dieses Geheimnis ist, das zwar verborgen ist, doch durch den Gebrauch des eigenen Verstandes erkannt werden kann. Die Aufgabe jedes Lesers ist es, den "dünnen Schleier" zu entfernen, den der Autor über die Geheimnisse des Buches gebreitet hat. Von einigen Lesern läßt er sich schnell entfernen, doch für andere bleibt er "undurchdringbar dicht". Dieser Roman ist ein ungewöhnlich eigenwilliges philosophisches Buch.

          FRIEDRICH NIEWÖHNER

          Abu Bakr Ibn Tufail: "Der Philosoph als Autodidakt". Hayy ibn Yaqzan. Ein philosophischer Inselroman. Übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Patric O. Schaerer. Felix Meiner Verlag Hamburg 2004. LXXXVI, 152 S., geb., 32,- [Euro].

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