https://www.faz.net/-gr3-po6d

: Die Freiheit in diesem Augenblick

  • Aktualisiert am

Vielleicht ist es der größte Satz, den man einem Schriftsteller sagen kann. Der Satz, den der ukrainische Essayist und Schriftsteller Juri Andruchowitsch dem ungarischen Schriftsteller Péter Zilahy geschrieben hat, im Angesicht der revolutionären Ereignisse in der Ukraine: "They are living your book now", hat er ihm geschrieben: "Sie leben gerade dein Buch." Sie leben dein Buch.

          5 Min.

          Vielleicht ist es der größte Satz, den man einem Schriftsteller sagen kann. Der Satz, den der ukrainische Essayist und Schriftsteller Juri Andruchowitsch dem ungarischen Schriftsteller Péter Zilahy geschrieben hat, im Angesicht der revolutionären Ereignisse in der Ukraine: "They are living your book now", hat er ihm geschrieben: "Sie leben gerade dein Buch." Sie leben dein Buch. Und dieser Schriftsteller, dem dies geschrieben wird, sieht abends in den Nachrichten eine Regierung stürzen, sieht die Wahrheit siegen, das Volk tanzen, feiern und die Macht übernehmen. They are living your book. Was für ein Satz. Was für ein Buch. Péter Zilahys Revolutions-Alphabet "Die letzte Fenstergiraffe", das in diesem Herbst auch auf deutsch erschienen ist, wurde im April in der Ukraine zum Buch des Jahres gewählt. Schon bei der Vorstellung des Bandes in Kiew, vor gut einem Jahr, hatte Andruchowitsch das Publikum in einer überfüllten Buchhandlung aufgefordert, es sei an der Zeit, dieses Buch zu benutzen. Und sie benutzten es. Sie benutzen es. Jetzt.

          Was ist das für ein Buch? Und was ist das für ein Titel? Er bezieht sich auf ein ungarisches Kinderlexikon, das jedes Kind im Lande kannte. Mit dem jedes Kind in Ungarn die Welt kennenlernte. "Ablak - Zsiráf" heißt es. A wie Ablak, Fenster - Z wie Zsiráf, Giraffe. Die ganze Welt zwischen diesen beiden Worten. Fenstergiraffe. "Die Fenstergiraffe ist meine Kindheit, sie ist der Umkleideraum, der Sportunterricht, das ständige Wachsen, eine Zeit vor einer besseren Zeit, die weiche Diktatur, meine Hausaufgaben, meine Unschuld, meine Generation", heißt es in Zilahys Buch. Er hat das Kinderlexikon als Folie benutzt, um die Welt neu zu ordnen. Um die Welt zu erfassen, mitzuschreiben, neu zusammenzufügen, während sie ein- und umstürzt und sich ihrer alten Kinderordnung entledigt. Ein Revolutions-Alphabet.

          A wie Anfang

          Die meisten Erlebnisse hat Zilahy in Belgrad gesammelt. Im Winter 1996/97, als die Regierung Milosevic Ergebnisse von Landtagswahlen massiv gefälscht hatte und Hunderttausende auf die Straßen gingen. Um Gerechtigkeit zu fordern. Um die Macht einzufordern, die Macht, die ihnen zusteht. Zilahy war dabei, damals, demonstrierte, beobachtete und schrieb mit: "Die Nachrichten live zu erleben ist ein alter Traum von mir", heißt es im Buch gleich zu Beginn. Aber das Buch schweift in den Kinderbegriffen noch viel weiter zurück. Schreibt eine Familiengeschichte, die 1914 beginnt, eine Unglücksgeschichte, Revolutionsgeschichten von 1956 und 1968. Alles in kurzen Episoden. Vor allem aber: Belgrad und der große Winter 96/97. Als eine Stadt plötzlich Weltbedeutung erlangt. Die Welt live berichtet: "Binnen weniger Tage ist Belgrad zu einer modernen Stadt geworden. Kameras zeichnen die Demonstrationen von allen Seiten auf. Wohin du auch gehst, alles wird aufgenommen, die Menschen wissen, sie kommen irgendwo ins Fernsehen, in deutsche, italienische oder englische Kanäle." Und jetzt in Zilahys Buch.

          Es sind Geschichten von plötzlicher Liebe, unerwarteter Freundschaft, vom Staunen über die plötzliche Macht, von Verbrüderungen mit der Miliz, Ausharren in größter Kälte, dem Rausch einer unfaßbaren Gemeinsamkeit. Oder es geht um einfache Tricks: Wie präpariere ich ein Ei möglichst wirkungsvoll? Wie ziehe ich die Regierungstruppen auf unsere Seite? Wie trotze ich der Kälte? Manches wirkt tatsächlich wie live, heute, aus Kiew. Wie die Regierung ihre Anhänger vom Land in Bussen in die Hauptstadt fahren läßt und wie diese, die in ihrem Leben noch nie in Kiew/Belgrad waren, dann verloren durch die große Stadt streifen, staunen, einkaufen gehen, sich verlaufen oder sich versehentlich der falschen Demonstration anschließen. Wie bei "Asterix als Legionär" im Bruderkampf von Cäsars Truppen gegen Scipio und die verwirrten Legionäre in Schildkrötenformation unter ihren Schilden fragen: "Wie, ist das hier nicht die Schildkröte von Scipio?" - "Aber nein." - "Aber ja."

          Sie leben dein Buch. -

          Weitere Themen

          Manches klärt Freund George

          Übersetzer : Manches klärt Freund George

          Wenn etwas komisch klingt, liegt es am Übersetzer, sagt einer, der sich auskennt. Günter Ohnemus schreibt, übersetzt und versucht, den richtigen Ton zu treffen

          Topmeldungen

          Das israelische Parlament

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.
           „Mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun“: Michael Kretschmer über die AfD

          Tabubruch in Sachsen : CDU für Koalition mit Grünen und SPD

          Auf einem Sonderparteitag stimmt Sachsens CDU mit großer Mehrheit für ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Nicht immer erntet Michael Kretschmer dabei so viel Beifall wie für seine Attacke gegen die AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.