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: Die Formel der Moderne

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Ende November 1825 schrieb Goethe an den Berliner Oberregierungsrat Nicolovius: "Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen.

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          Ende November 1825 schrieb Goethe an den Berliner Oberregierungsrat Nicolovius: "Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl noch Eins und das Andere interpolieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch." Diese Wortschöpfung ist zwar schon im Französischen und Italienischen vorgebildet, Goethe meint hier aber die Allianz der Eile (velocitas) mit Luzifer. Für Manfred Osten ist dies "alles veloziferisch" die "Formel der Moderne".

          Goethe, der dem Lebensrhythmus des Ancien régime entstammte, war es gewohnt, sich von Jahrtausenden Rechenschaft zu geben, und wollte die Evolution nicht gestört wissen. Revolutionen mußten ihm daher verhaßt sein und die von 1789 zumal, denn sie beschleunigte den Lebensrhythmus dramatisch. Die Bedenken, die er Nicolovius 1825 wissen läßt, trägt er wenige Monate zuvor auch seinem Freund Zelter vor: "Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren."

          Der Mann, der die Geschwindigkeit in die Welt gebracht hatte und zu seinem persönlichen Lebensstil machte, war der von Goethe so bewunderte Napoleon. Er hatte das Prinzip des Blitzkriegs eingeführt. Als seine Karriere bei Waterloo endete, verkehrten schon die ersten Dampfschiffe, war die Entwicklung der Eisenbahn absehbar.

          Das veloziferische Element: In Faust II wird es von Goethe als Dichtung thematisiert. "Fausts Unterwerfung unter das Diktat der Eile" nennt es Osten: "Es sind die Instrumente der Entfesselung der Beschleunigungs- und Wachstumsdynamik der Moderne: der schnelle Degen, die schnelle Liebe, der schnelle Mantel, das schnelle Geld und zum Schluß: der schnelle Mord an Philemon und Baucis." Und: "Faust ist bereits der Gefangene im selbstgeschaffenen Käfig einer Arbeits- und Lebenswelt der permanenten Beschleunigung." Es ist diese Beschleunigung, die über Leichen geht (Philemon und Baucis), eine Beschleunigung, der Erinnern und Bewahren nur im Wege sind. Für das heraufziehende Zeitalter der Ungeduld stehen im Faust II sowohl Euphorion als auch Homunculus.

          Goethe habe, so Osten, "die Natur verstanden als verläßlichste Gegenwelt des Veloziferischen, als letzte große Bastion gegen die beginnende Mobilmachung seines Jahrhunderts". Er habe sich die Musik Johann Sebastian Bachs zu eigen gemacht "als Musik vor aller Ungeduld des Menschen". Dem wird man gern zustimmen, wie denn überhaupt dieser luzide Essay - "von einem Liebhaber für Liebhaber" - jedem Goethe-Freund neue Einsichten vermittelt.

          Wenn aber Osten auf die Gegenwart zu sprechen kommt, melden sich Zweifel. Denn nach einer scharfsichtigen, nach Goethes Maßstäben entwickelten Diagnose vermeint der Verfasser dann doch eine Gegenbewegung zu heutigen Beschleunigungstendenzen zu erkennen. Daß er ausgerechnet "Airbag, ABS-Systeme, Anrufbeantworter" zum Beleg nimmt, überrascht, dienen solche Techniken selber nur verkappt letztlich der Tempovergötzung. Auch ist nicht einzusehen, warum im neunzehnten Jahrhundert die "Ritardando-Prosa" Stifters und die "langsamen Zeitmaße bei Bruckner und Wagner" Gegentendenzen deutlich machen sollen. Was sollte daran so zeitspezifisch sein? Dann könnte man ja ebensogut Prousts "Recherche" als gegenläufig zum zwanzigsten Jahrhundert ansehen. Da möchte man Osten denn doch darauf hinweisen, daß etwa Interpreten Bachscher Instrumentalmusik immer mehr beschleunigen; die Brandenburgischen Konzerte werden heute fast schon doppelt so schnell ausgeführt wie vor fünfzig Jahren, wie alte Aufnahmen beweisen.

          ECKART KLESSMANN

          Manfred Osten: ",Alles veloziferisch' oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit". Zur Modernität eines Klassikers im 21. Jahrhundert. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003. 110 S., br., 14,90 [Euro].

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