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Die Familie Wagner : Und täglich grüßt der Killerwal

  • -Aktualisiert am

Sie sind heillos zerstritten, von scharfem Verstand und alle ein bisschen verrückt: Jonathan Carr hat zwar noch nicht alle Leichen im Keller der Familie Wagner ausgegraben, aber er erinnert uns in seinem Buch daran, wo sie liegen.

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          Es klingt wie ein Witz, was die freundliche Dame vom Verlag verspricht: Bei diesem Buch handele es sich um die „erste umfassende Geschichte“ dieser interessanten Familie. Unmöglich. Keine andere deutsche Familie, nicht mal die Manns, ist so gründlich bis ins letzte Glied erforscht und so regelmäßig öffentlich durchgehechelt worden wie die derzeit immer noch in zwei zerstrittene Stämme verzweigte Nachkommenschaft des Komponisten Richard Wagner.

          Machen wir die Probe aufs Exempel, holen wir das Maßband aus dem Nähkästchen. Das Ergebnis, nichtamtlich und ohne Gewähr, ermittelt jeweils inklusive Ahnherr, aber exklusive Werkausgabe, ergibt für die Mannfamilienbiographik 880 Regalmillimeter, für die der Wagners 1053.

          Doch noch während man sich, auf der Bibliotheksleiter stehend, kursorisch vertieft in die geistreichen Analysen von Urenkelin Nike („Wagner Theater“, 1998), die verschraubten Inventuren von Enkel Wolfgang („Lebensakte“, 1994) oder in Wielands unzart geschönten Lebenslauf (dem der Autor Berndt B. Wessling 1997 den Titel „Der Enkel“ gab, als habe es nur diesen einen je gegeben); während man die Klagen der Verstoßenen und Vertriebenen (Gottfried Wagner 1997, Friedelind Wagner 1944) sichtet sowie die aus frauensolidarischer Sicht wichtigen Würdigungen abgeschobener Ehefrauen (Gertrud 1998, Minna 2004), dämmert es rasch: Dies alles sind ja nur Teilwahrheiten.

          Alle ein bisschen verrückt

          Ein Familienmitglied beharkt die anderen (oder lässt sie beharken). Und weil die Wagners seit mehr als einer Generation heillos zerstritten sind und alle ein bisschen verrückt; weil sie über scharfen Verstand und spitze Zungen verfügen, deshalb ist die familienbiographische Lage dieser Sippschaft so besonders uferlos und voller Lücken und Lügen. Die vom Wieland-Sohn Wolf Dietrich 1976 besorgte „Geschichte unserer Familie in Bildern“ sackt ganz ab ins Anekdotische, die druckfehlersatte Broschüre „Die Wagners - Macht und Geheimnis einer Theaterdynastie“ (2001) hält auch nicht, was der Titel verspricht, und Brigitte Hamanns Rowohlt-Monographie („Die Familie Wagner“, 2005) bleibt naturgemäß kursorisch. Wie gut, dass nun mal einer ganz souverän von draußen hereinspaziert in die gute Stube und die vielen kleinen Stapel schmutzige Wäsche neu sortiert.

          Objektiv ist Jonathan Carr dabei keineswegs. Als langjähriger Bayreuth-Pilger bringt er eine große Liebe zu Wagners Musik mit, macht aber auch kein Geheimnis daraus, dass er den Komponisten charakterlich für ein Monstrum hält, das gern quälte, wen es liebte. Eindeutige Sympathien zeigt der Autor für die Zu-kurz-Gekommenen und für die Rebellen der Familie: für Nike, Gottfried, Friedelind, aber auch für den unterschätzten Siegfried Wagner, dessen Leidenschaften eigentlich außerhalb seiner Bestimmung lagen. Sogar für Cosima findet Carr verständnisvolle Worte, zumindest für jene Zeit, da sie noch nicht die hohe Frau, sondern ein komplexbeladenes Mädchen war, das sich nicht mal ungerne quälen ließ.

          Grausamkeiten und Irrtümer

          Mit subtiler Ironie deckt er bereits in der Tribschen-Idylle am Luzerner See die Wurzeln der Barbarei auf, als Cosima und Richard frisch verliebt, aber noch nicht legitim verheiratet sind. Als beim ersten Schrei des neugeborenen Siegfried die Sonne aufgeht, wobei Hausgast Nietzsche Zeuge des Geschehens wird. Und als sogar „Elisabeth Nietzsche, Friedrichs Schwester, die später einen Großteil ihres Lebens damit zubrachte, dessen Schriften zu fälschen, sich erinnert an einen bezaubernden, vollmondbeschienenen Spaziergang am See“. So rosarot fängt die Geschichte an. Und sie eskaliert sofort, das Siegfried-Idyll wird mit dem Hurrapatriotismus des Deutsch-Französischen Krieges konfrontiert, die im ersten Glück verborgenen Grausamkeiten und Irrtümer werden ans Licht gezerrt.

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