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Armut und Arbeitslosigkeit : Aufsteigerinnen sind nicht erwünscht?

  • -Aktualisiert am

Anna Mayr empört sich in „Die Elenden“ über Armut. Bild: dpa

Anna Mayr empört sich in „Die Elenden“ über Arbeitslosigkeit und Armut in Deutschland. Soziologische Erkenntnisse lässt sie außen vor, kann aber mit dichten Beschreibungen ihres eigenen Aufstiegs überzeugen.

          3 Min.

          Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Das gilt als bedauerlich – sichtbarer Protest dagegen rührt sich kaum. Auf die Straße treibt die Empörten heute der Klimawandel, die Überforderung durch Zuwanderung oder der gewaltsame Tod eines schwarzen Bürgers der Vereinigten Staaten, aber nicht die Nöte armer Kinder aus Hartz-IV-Familien.

          Anna Mayr macht das wütend. Darum hat sie ein Buch geschrieben, das der Gesellschaft schon im Untertitel die Anklage ins Gesicht schleudert, sie verachte die Arbeitslosen und brauche sie dennoch. Auch wenn Mayr mit ihrer Wut sicher nicht allein ist – kein Schüler wird am „Freitag gegen Hartz IV“ den Unterricht schwänzen, und die Greta Thunberg des Armutsprotestes wird Mayr mit ihrem Pamphlet auch nicht. Ist es überhaupt lesenswert?

          Dagegen spricht zunächst viel. „Die Elenden“ hat haarsträubende Lücken. Vielleicht ist Wut die Lizenz zum Weglassen, aber für jemand, der ein ganzes Buch über Arbeitslose schreibt, interessiert sich Mayr erstaunlich wenig für das Wissen, das diese Gesellschaft über Arbeitslosigkeit zusammengetragen hat.

          Wenig Interesse an Arbeitsmarktforschung

          Etwa die Befunde der soziologischen Arbeitsmarktforschung – anscheinend irrelevant. Regionale Unterschiede in der Ausprägung von Erwerbslosigkeit, Langzeit- versus Kurzzeitarbeitslosigkeit, die hohe Zahl offener Stellen, der Nachwuchsmangel in den Ausbildungsberufen, überhaupt das ganze Thema Bildung als bestes Mittel gegen Arbeitslosigkeit – vor Mayrs Wut verblasst das alles zum Hintergrundgrau der Systemkonformität.

          Anna Mayr: „Die Elenden“. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020. 208 S., geb., 20,– €.
          Anna Mayr: „Die Elenden“. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020. 208 S., geb., 20,– €. : Bild: Hanser Berlin

          Sie hat sich einige arbeitsmarktpolitische Grundkenntnisse angelesen. Dass ihr Thema aber spätestens seit John Rawls auch als Gegenstand der politischen Philosophie diskutiert werden müsste, scheint Mayr entgangen zu sein. Dann kann man wohl über den Begriff der Chancengleichheit schreiben, er sei „bescheuert“, Bildung sei „nett“, aber ändere nichts, und da das „System“ insgesamt „Mist“ sei, sollten wir alle – aber vor allem die SPD – unsere Furcht vor dem Sozialismus ablegen. Das sei schließlich „nur ein Wort“.

          Mayr, Jahrgang 1993 und Redakteurin beim „Zeit-Magazin“, legitimiert ihre Anklage mit ihrer Biographie. Sie schreibt über sich, über ihre Herkunft aus einer Hartz-IV-Familie, also aus selbsterlebter Armut. Sie habe selbst zu den „Aussätzigen, dem Abschaum und Abfall“ der Erwerbsgesellschaft gehört. Allerdings hat sie den „Aufstieg“ geschafft. Anerkennung will sich Mayr mit ihrem Buch aber nicht erschreiben, vielmehr versucht sie sich an dem Nachweis, dass die Aufsteigerin eine Gestalt sei, die diese Gesellschaft gar nicht „will“: „Meine Eltern“, klagt sie, „mussten“ arbeitslos sein, Mayr „musste“ darunter leiden. Aber die Gesellschaft, das „System“, brauchte sie als „abschreckendes Beispiel“.

          Das eigene Leiden kann nicht irren

          Die Schwäche eines so selbstbezogenen Schreibens, das die Gesellschaft vom Ich aus erklären will, ist seine unvermeidbare Selbstgerechtigkeit. Das eigene Leiden kann nicht irren. Wer Mayrs Standpunkt nicht teilt, das Persönliche spreche wahrer als die Befunde der Arbeitsmarktforschung und die Wirtschaft lasse sich noch aus dem Wollen finsterer Mächte erklären, kann sich den Unfug sparen, den er dann in diesem Buch zuhauf finden wird. Und natürlich ist Mayrs Herkunftsgeschichte eine Apologie. Entsprechend schwächeln ihre Kindheitsschilderungen unter dem Joch der Armut da, wo sie Rührung vermitteln will und dann doch in Rührseligkeit verfällt.

          Auch warum die Eltern – Vater Tischler mit Abitur, Mutter Punkerin mit Philosophiestudium – anscheinend schon immer arbeitslos waren, bleibt im Dunkeln. Dass bei ihr Erwerbslosigkeit als widerfahrendes Schicksal erscheint, kann einer Autorin egal sein, die Armut nicht erklären muss (sie ist schließlich von mächtigen Akteuren gewollt), sondern mit der Forderung nach ihrer Abschaffung überzeugen will.

          Dichte Beschreibung einer Kindheit in Armut

          Triftig sind gleichwohl jene Abschnitte, in denen Mayr eine dichte Beschreibung einer Kindheit in Armut liefert. Wie sie weh tut, wie sie prägt und abstempelt: Bei Mayr sind es tatsächliche Erfahrungen, während andere – besonders Journalisten und Politiker – oft nur über etwas reden, das sie nicht erlebt haben. Mayr verfügt über die literarischen Mittel, ihrer Herkunft Würde zu geben. Nur führt das unweigerlich zum eigentlichen Dilemma des sozialen Aufsteigers: Was wiegt mehr, der Stolz auf den eigenen Aufstieg oder der Selbstvorwurf des Verrats an der Herkunft?

          Man könnte darin auch das Dilemma von Mayrs Text sehen: Seine stärksten Passagen verführen den Leser zur Anerkennung für den gelungenen Aufstieg der Autorin und für das, was sie aus dieser Lebensleistung macht – gutes biographisches Schreiben. Mayr ist keine zerrissene Person, sondern eine junge Autorin mit Mut zur Selbstentblößung. Die ist subtil, im eigentlichen Sinne radikal. Sie nimmt den Leser für Mayr ein. Nur wütend macht sie nicht.

          Aber Mayr ist trotz ihrer Wut dann doch keine Revoluzzerin. Sie ruft am Ende ihres Buchs nicht zum Umsturz auf, sondern nur zur Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes auf 764 Euro im Monat. Pro Person. „Gegen Armut hilft nur Geld“, schreibt Mayr. Darüber, immerhin, kann man streiten.

          Anna Mayr: „Die Elenden“. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020. 208 S., geb., 20,– €.

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