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Über die Ehe in Deutschland : Kann die romantische Liebe gegen die Belastungen des Alltags bestehen?

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So sah die deutsche Ehe 1985 aus: Rudi Völler und Angela Drescher nach der standesamtlichen Trauung Bild: picture-alliance / dpa

Worüber viel gemeint, aber recht wenig sicher gewusst wird: Rosemarie Nave-Herz legt eine kompakte Studie über die Ehe in Deutschland vor.

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          Was weiß die Soziologie ei­gentlich über die Ehe in Deutschland? Es ist er­staunlich wenig. Gäbe es nicht die offiziellen Daten etwa des Statistischen Bundesamtes, wäre es noch we­niger. Wenn sich die Forschung bisher überhaupt für die Ehe interessiert habe, dann vornehmlich im Hinblick auf die Familie. Aber als „eigenständige Lebensform“ mit einer ihr eigenen „Sinnzuschrift“ sei die Ehe aus soziologischer Sicht bisher nicht beschrieben worden. Rosemarie Nave-Herz, die diese Anmerkung ihrem neuen Standardwerk zur Ehe in Deutschland vorausschickt, hält diese Subsumierung der Ehe unter die Familie bestenfalls für die Vergangenheit ge­rechtfertigt, weil damals Ehe- und Familienzeit nahezu identisch gewesen seien. Heute aber wäre hier ein gravierender Wandel feststellbar, den dieses Buch eindrucksvoll schildert. Wird dieser Wandel zum Ende der Ehe führen? Ist sie ein Auslaufmodell, oder bleibt sie eine der „bedeutendsten identitätsbildenden Institutionen“ unserer Gesellschaft?

          Nave-Herz fundiert ihre Analyse mit profunden Kapiteln zur Geschichte des Ehebegriffs und zu seinem Bedeutungswandel in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Soziologisch er­giebiger sind aber ihre Darstellungen der heutigen Bedeutungszuschreibungen an die Ehe und weitere Fragen an die Forschung: Stehen die Ehe und die Nichteheliche Lebensgemeinschaft in Konkurrenz zueinander? Nehmen ältere oder illegitime Formen der Ehepartnerwahl wie die arrangierte Ehe oder die Zwangsverheiratung in der deutschen Ge­sellschaft aufgrund von Migration tatsächlich zu? Hat der Anstieg der Kinderlosigkeit in Deutschland einen Effekt auf die Bedeutung der Ehe? Ist die Ge­walt in der Ehe ein neues Problem? Wie verändert sich die Ehe durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen? Welche Formen der häuslichen Arbeitsteilung haben sich herausgebildet? Wer lässt sich heute scheiden und warum? Und schließlich: Wie steht es um den Sex in der Ehe?

          Kein Beleg für einen Bedeutungsverlust der Ehe

          So vielfältig diese Forschungsthemen sind: Was sie gemeinsam haben, sind ein großes öffentliches Interesse und entsprechend viele geäußerte Meinungen zu ihnen bei nur wenig gesichertem sozio­logischen Wissen. Die gesellschaftliche Sichtweise auf die Ehe sei pessimistisch geprägt, so Nave-Herz, was die soziolo­gische Forschung vor die Herausforderung stelle, diesen Pessimismus zu bestätigen oder im Gegenteil die Zukunfts­fähigkeit der Ehe nachzuweisen. Natürlich muss jede Studie zu ihrer Zukunft die Entwicklung der Scheidungszahlen in Deutschland thematisieren. Eine soziologische Studie, die aus deren Zunahme um­standslos schlussfolgerte, dass die Ehe keine Zukunft habe, könnte man getrost ignorieren.

          Dagegen spricht schon der Umstand, dass die Eheschließungsneigung gar nicht abgenommen hat, sondern seit 2013 sogar wieder gestiegen ist. Überhaupt sind steigende Scheidungszahlen kein Beleg für einen Bedeutungsverlust der Ehe. Man könnte sogar umgekehrt argumentieren, dass gerade die be­sondere Bedeutung der Ehe für viele ein Grund ist, sich mit den Defiziten der ei­genen nicht abzufinden, sondern in der Trennung die Chance auf eine neue und dann erfüllendere Beziehung zu suchen. Kurz: Man müsste mehr über die tatsächlichen Gründe für Eheschließungen wie über jene für Scheidungen wissen. Doch leider fehlen hierzu die Daten. Was also kann als gesichert gelten?

          Rosemarie Nave-Herz: „Die Ehe in Deutschland“. Eine soziologische Analyse über Wandel, Kontinuität und Zukunft.
          Rosemarie Nave-Herz: „Die Ehe in Deutschland“. Eine soziologische Analyse über Wandel, Kontinuität und Zukunft. : Bild: Barbara Budrich Verlag

          Dass die arrangierte Ehe durch die türkischstämmigen Bevölkerungsanteile wieder an Bedeutung gewinnt. Dass nach wie vor in der gesamten Bevölkerung überwiegend in der eigenen Schicht ge­heiratet wird. Dass das männliche Ernährermodell nach wie vor überwiegt, trotz immer mehr Frauen in Vollzeit. Die un­gewollte Kinderlosigkeit nimmt zu, aber auch die gewollte, insbesondere unter Frauen mit akademischer Bildung. Ihre eigene These der vornehmlich „kind­orientierten Eheschließung“ aus den Acht­zigerjahren müsse sie auch darum re­lativieren, wie Nave-Herz feststellt. Heu­te gebe es auch die Familiengründung mit erst späterer Eheschließung. Auch wenn nach wie vor die weit überwiegende Mehrheit der Eheschließenden ledig, kinderlos und zwischen 25 und 39 sind: Die Verbindung von Ehe und Fa­milie wird lockerer. Im „ehebiografischen Verlauf“ werde die Familienphase aber vor allem wegen der steigenden Lebenserwartung eine immer kürzere „Durchgangsphase“. Das bedeutet, dass für die meiste Zeit einer Ehe (und des Lebens) andere Sinnerfüllungen da sein müssen als die Kinder. Das Dilemma der heutigen Ehe liegt also darin, dass ihr Anfang – meistens das gemeinsame Aufziehen des Nachwuchses – nicht zum langen En­de zu passen scheint.

          Keine ausschließlich ­ökonomischen Be­dürfnisse

          Das Ideal des Zusammenfindens, also die romantische Liebe, hat den Belastungen der Ehe als Solidargemeinschaft im Alltag meist wenig entgegenzusetzen. Doch Untersuchungen zeigten, dass die eheliche Zufriedenheit am Anfang am höchsten ist, dann sinkt (die Phase der meisten Scheidungen), dann aber auch wieder steige. Weist dieser Befund darauf hin, dass der heutige „exklusive Eheschließungsgrund“, nämlich diese ro­man­tische Liebe, doch die Chance für Dauer besitzen könnte? Ja, zumindest für die zwei Drittel der Nichtgeschiedenen. Se­xuelle Ansprüche würden in diesen langen Ehen nicht mehr unbedingt gestellt, doch leider seien auch aktuelle Erhe­bungen über die Sexualität in der Ehe rar. Immerhin könne das Vorurteil des „ase­xuellen Alters“ inzwischen als widerlegt gelten.

          Nave-Herz wagt am Ende ihrer glänzenden Studie die Prognose, die wie jede gute soziologische Forschung mehr Fragen aufwirft als beantwortet, dass die Scheidungen weiter zunehmen werden. Für viele werde die Ehe nach der Familienzeit ihre Funktion verlieren und anderen Formen der Partnerschaft weichen. Sie werde „quantitativ eine eher geringere Lebensform neben anderen sein“. Ehen werden sich immer mehr unterscheiden, vor allem was die soziale Ungleichheit von Ehefrauen betrifft: ­Besser ausgebildete Frauen werden immer mehr Hausarbeit von anderen Frauen ausführen lassen können. Die Ehe werde aber nur dann auch in Zukunft bestehen, wenn sie ganz spezifische Bedürfnisse zu befriedigen verspricht, die keine andere Lebensform bieten ­könne. Es liegt auf der Hand, dass das keine ausschließlich ­ökonomischen Be­dürfnisse sein können.

          Rosemarie Nave-Herz: „Die Ehe in Deutschland“. Eine soziologische Analyse über Wandel, Kontinuität und Zukunft. Barbara Budrich Verlag, Leverkusen 2022. 191 S., br., 19,90 €.

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