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: Die Diktatur des Orgasmus

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Während der Hochphase viktorianischer Prüderie publizierte 1888 bis 1894 in Amsterdam ein Anonymus mit dem Decknamen "Walter" ein elfbändiges Werk mit dem Titel "My secret life", in dem er seine sexuellen Ausschweifungen in den buntesten Farben schilderte - wohnte er doch als eine Art britischer ...

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          Während der Hochphase viktorianischer Prüderie publizierte 1888 bis 1894 in Amsterdam ein Anonymus mit dem Decknamen "Walter" ein elfbändiges Werk mit dem Titel "My secret life", in dem er seine sexuellen Ausschweifungen in den buntesten Farben schilderte - wohnte er doch als eine Art britischer Don Giovanni angeblich 1200 Frauen bei, die aus aller Herren Länder (mit Ausnahme von Lappland) stammten. Für Robert Muchembled zeugt diese Konfession eines Erotomanen dennoch von einer beachtlichen Sublimationsleistung, könne man ihrem Urheber doch zugutehalten, dass er seine weiblichen Opfer nur mit übermäßiger Begierde beglückte und ihnen nicht - wie Jack the Ripper - die Kehle (und sonstige Organe) aufschlitzte.

          Denn Muchembleds Hauptthese in seiner Geschichte der abendländischen Sexualität im Wandel der Zeiten lautet, "dass sich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in unserer Kultur eine massive Repression der körperlichen Gelüste durchgesetzt hat, die erst seit den 1960er Jahren wieder im Rückgang begriffen ist. Der Prozess, der eine Grundspannung zwischen der Libido des Einzelnen und den kollektiven Idealen erzeugt, hat während dieser langen Zeit kontinuierlich ein mächtiges Bemühen um Sublimierung entstehen lassen." Kulturschaffend wirkte diese Triebunterdrückung nicht nur in verschiedenen Religionen, sondern sie begründete auch (in nicht immer begrüßenswerter Verquickung mit kapitalistischen und imperialistischen Mechanismen) die kulturelle Vorherrschaft Alteuropas. Dies ist freilich seit den Schriften eines gewissen Dr. Freud keine wirklich bahnbrechende Einsicht mehr. Angereichert mit ein wenig Foucault zur Signalisierung des richtigen Bewusstseins für repressive Dispositive, präsentieren sich hier weit über 300 Seiten engagierte Sexualgeschichtsschreibung am Leitseil der Frage: "Was ist die körperliche Lust und wozu ist sie gut?"

          Doch statt einer stringenten argumentativen Durchführung der in der Einführung großzügig exponierten These gibt der merkwürdig fahrig und unkonzentriert wirkende Text eher eine Art Blütenlese menschlichen (insbesondere männlichen) Sexualverhaltens vom 16. bis ins 20. Jahrhundert: Auf eine streng von religiösen Verboten bestimmte Frühphase, die Lust mit Sünde gleichsetzte und zugleich das Individuum "erfand", folgte nach 1700 eine kurze epikureische Entspannung, der dann jedoch der Puritanismus den Garaus machte. Während der Aufklärung bringen Ökonomie der Lust und Triebmäßigung als philosophisch-rationalistische Lebensformen kehrseitig eine Flut an pornographischem Schrifttum hervor. Schließlich jedoch legt sich der lusttötende "viktorianische Schleier" über dieses ganze libidinöse Elend.

          Erst mit dem Kinsey-Report und der "sexuellen Revolution" sieht Muchembled das System der verordneten Sublimierung außer Kraft gesetzt, da erst jetzt endlich auch den Frauen ein Recht auf selbstbestimmte Sexualität eingeräumt werde. Er konstatiert allerdings weiterhin kategoriale Unterschiede im Umgang mit den emanzipatorischen Errungenschaften der Empfängnisverhütung zwischen dem europäischen Kontinent und dem sich nach wie vor am Erbe des Puritanismus abarbeitenden Amerika. Und natürlich blüht wie immer "keine Rose ohne Dornen": Der durch die neugewonnene sexuelle Freiheit entstandene Leistungsdruck in sexualibus kann schon den einen oder anderen jungen Mann verzweifeln lassen, wie Muchembled mitfühlend konstatiert, hängt doch jetzt "jede Beziehung mehr denn je von der Diktatur des Orgasmus ab".

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