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: Die camouflierte Weltmission

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Das ist ein Buch über Amerika, wie es gebraucht wird. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat ein Geschichtsbuch geschrieben, das sich als Historiographie nicht etwa selbst genügt, das man gerade deshalb verschlingt, weil es Seite für Seite auf die weltpolitische Gegenwart bezogen bleibt.

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          Das ist ein Buch über Amerika, wie es gebraucht wird. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat ein Geschichtsbuch geschrieben, das sich als Historiographie nicht etwa selbst genügt, das man gerade deshalb verschlingt, weil es Seite für Seite auf die weltpolitische Gegenwart bezogen bleibt. Wahrscheinlich gibt es im Augenblick kaum etwas Erhellenderes über die aktuelle Politik Amerikas zu lesen als diesen kompakten Versuch, sie uns entlang der Kategorie des Imperiums aufzuschließen. Was uns so oft als Gegenstand schriller Meinungsmache entgegentritt, wird hier in kühlen, historisch geläuterten Begriffen entfaltet: die Bush-Doktrin als Anwendungsfall imperialer Herrschaftssicherung, als eine von den konkreten politischen Akteuren weitgehend lösbare "Logik der Weltherrschaft".

          Imperiale Strukturen überlagern heute die Ordnung der Staaten, sie stehen nicht mehr wie früher an deren Stelle, weswegen - wie der Autor darlegt - Imperialität mit ihren abgestuften Grenzen nicht etwa als Alternative zur Staatlichkeit gedacht werden darf. Bei Münkler ist Strukturanalyse auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten mit großem Gewinn ausgereizt zu haben, erklärt zu einem Gutteil das Bestechende dieses Buches. Es demonstriert zugleich die Überlegenheit einer Denkform, die sich reinhält von den Bedürfnissen der politischen Exaltation und konsequent auf Klärung der Begriffe setzt statt auf die radebrechenden Effekte des Drastischen.

          Der Blick ist weit gespannt. In den Vergleich mit Amerika einbezogen werden das Imperium Romanum, seaborn empires wie das britische, spanische und portugiesische, die Sowjetunion, aber auch das Reich des russischen Zaren, das Osmanische, Chinesische und Mongolische Reich. Mit sehr viel Ertrag wird außerdem die athenische Seeherrschaft beobachtet, Athens Wandel vom Hegemon zum Despoten. Münkler verwahrt sich indessen gegen eine falsche oder auch nur verkürzte Lesart seines Buches. Sein Erkenntnisinteresse beschränke sich gerade nicht auf die ausführlich dargelegte "Unterscheidung von See- und Landimperien, Handels- und Militärimperien". Weit mehr gehe es ihm darum, "Prognosen über die Dauer und Stabilität des amerikanischen Imperiums zu machen und Überlegungen zu der Frage anzustellen, wie ein Europa beschaffen sein muß, das sich einerseits als selbständige politische Kraft neben den USA zu behaupten vermag und andererseits in der Lage ist, seine instabilen und hereinstürzenden Ränder zu befestigen und positiv auf seine Nachbarn einzuwirken". Wer wollte bezweifeln, daß wir es im Gewand des Historischen hier mit einem eminent politischen Buch zu tun haben?

          Münkler hat natürlich die theoretische Tradition im Blick, innerhalb derer die Vereinigten Staaten als Imperium wahrgenommen werden. Es kommt selten vor, daß man wie hier beinahe jeder Fußnote des Textes nachzugehen versucht ist. Nach und nach stößt man auf alle relevanten politikwissenschaftlichen Bücher, die von Emmanuel Todd bis Michael Walzer jüngst zum Thema Amerika erschienen sind, produktiv ausgewertet findet man aber auch die Klassiker der Imperalismus- sowie der davon zu unterscheidenden Imperiums-Forschung. Heinrich Triepels Hegemonie-Studie tritt uns im aktualisierten Kontext ebenso entgegen wie Stefan Breuers Abhandlung über die Imperien der Alten Welt. Die Klammer all dieser um Thukydides, Horaz und Vergil erweiterten Fundstellen bleibt stets der Blick auf das heutige Amerika. Eine Gelehrsamkeit, für die es keine Reichweitenprobleme geben dürfte.

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