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: Die Blindheit jedes Menschen vor der Geschichte

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Von Thomas Poiss Unter Menschen zu reisen, die Vergil nicht kennen, war einst ein Grund, der Robert L. Stevenson in die Südsee lockte. Heute brauchte er nur nach Deutschland zu fahren. Seit Jahrzehnten ist hier kein Buch zu Vergil in einem größeren Verlag erschienen. Der Münchner Latinist Niklas Holzberg schließt diese Lücke, indem er Vergil (70 bis 19 v.

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          Von Thomas Poiss Unter Menschen zu reisen, die Vergil nicht kennen, war einst ein Grund, der Robert L. Stevenson in die Südsee lockte. Heute brauchte er nur nach Deutschland zu fahren. Seit Jahrzehnten ist hier kein Buch zu Vergil in einem größeren Verlag erschienen. Der Münchner Latinist Niklas Holzberg schließt diese Lücke, indem er Vergil (70 bis 19 v. Chr.) frei von Römertum und Abendlandpathos, dafür literaturtheoretisch reflektiert einem weiteren Publikum vorstellt.

          Seine erfrischende Nüchternheit zeigt sich gleich im Eingangskapitel, das souverän das Gewirr aus biographischen und pseudobiographischen Informationen, aus Wirkungsgeschichte und Interpretationsansätzen entflicht. So kann Holzberg sich der Genese und der Interpretation der drei Hauptwerke - "Bucolica" (Eklogen), "Georgica", "Aeneis" - widmen und dabei die unterschiedlichen Sprechhaltungen des Dichters charakterisieren, historische Gestalt und jeweilige literarische "persona". Am weitesten reicht dabei Holzbergs Entscheidung, Vergil in allen Schaffensphasen und Dichterrollen zum vorbehaltlosen Augusteer zu machen. Dies war einst fragloser Konsens, doch seit Adam Parry zur Zeit des Vietnam-Krieges "two voices" entdeckte, eine imperiale und eine regimekritische Stimme, ringen Philologen um die politische Deutung Vergils.

          So wird das Feld frei für Holzbergs große Stärke: Elegant wird erläutert, wie die Eklogen aus dem Dialog mit der griechischen Bukolik, der Epigrammatik und der römischen Liebeselegie, die dem Landbau geltende "Georgica" aus der antiken Lehrdichtung, die "Aeneis" aus der antiken Epik und dem Rückbezug auf die eigene Dichtung entstanden und in die Zeit von Bürgerkrieg und Prinzipat einzuordnen sind. Man kann dem Dichter bei der Detailarbeit zusehen, und dies nicht in Fußnoten, sondern im Medium deutscher Übersetzung. Holzberg zeigt jedem Interessierten die vielen Töne und Stimmen auf, die sonst nur Kenner vernehmen. Hinter der augusteischen Prunkfassade wird so die literarische Kultur erkennbar, die es brauchte, um das Mitgefühl für Sieger wie Besiegte, für Liebende und Hirten, für Landleute und Krieger über zwei Jahrtausende zu wecken.

          Holzberg muß für diese Klarheit natürlich manches opfern, etwa Vergils raffinierte Geschichtstheologie, die Jupiters Willen und menschliche Leistung in eins setzt und zugleich Aeneas in die ironischste aller Lagen bringt: Als für den Helden ein neuer Schild zu schmieden ist, verführt seine Mutter Venus ihren Gatten Vulkan dazu. Holzberg analysiert hinreißend die Erotik dieser Szene, an der sich schon Montaigne erfreute - und spart aus, was folgt: Der Held schultert den mit Bildern des künftigen Roms geschmückten Schild, ohne auch nur das geringste davon zu verstehen. Naive Zeitgenossen Vergils werden ihr scheinbar überlegenes Wissen genossen haben, während kluge Leser darin schon damals die Blindheit jedes Menschen vor der Geschichte erkennen konnten, selbst des größten. Auch kein schlechter Grund, wieder Vergil zu lesen. Oder zum ersten Mal.

          - Niklas Holzberg: "Vergil". Der Dichter und sein Werk. Verlag C. H. Beck, München 2006. 228 S., geb., 24,90 [Euro].

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