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: Die Anfängerfehler des Herrn Homer

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Schon die Griechen stritten über Homers Herkunft, und seit Raoul Schrott erneut die Homerische Frage mit einem großen Coup lanciert hat, für den ihm klassische Philologen und Altorientalisten dankbar sein müssen, wird nicht mehr nur in Fachzirkeln, sondern auf großen Podien über Homer und die Geschichte des Vorderen Orients diskutiert.

          Schon die Griechen stritten über Homers Herkunft, und seit Raoul Schrott erneut die Homerische Frage mit einem großen Coup lanciert hat, für den ihm klassische Philologen und Altorientalisten dankbar sein müssen, wird nicht mehr nur in Fachzirkeln, sondern auf großen Podien über Homer und die Geschichte des Vorderen Orients diskutiert. Was ist von Schrotts Thesen zu halten?

          Schrott übersetzt seit einiger Zeit für den Hessischen Rundfunk Homers "Ilias", fuhr nach Hisarlik an den Dardanellen, wo man in der Antike und seit Schliemann Troja lokalisiert hat, und gewann dort den Eindruck, dass die Landschaft nicht zum Text passe. Der Burghügel sei zu klein, ebenso die Bucht für die griechischen Schiffe. Zudem stieß Schrott, der 2001 eine Version des Gilgamesch-Epos vorgelegt hat, auf "wörtliche Zitate" daraus, die ihn an der Entstehung der "Ilias" aus mündlicher Tradition zweifeln ließen. All dies führte zur Versenkung in moderne Forschungsliteratur und zu einem Besuch in Kilikien im Südosten der Türkei. Dort, in der Nordwestecke des Reiches der Assyrer, habe ein griechisch-aramäischer Schreiber in assyrischen Diensten, gestützt auf assyrische Annalen und unter Anlehnung an die schriftlich verfassten orientalischen Epen, die "Ilias" komponiert. Im Kampf um Troja spiegele sich der "zeitgenössische Hintergrund" der kilikischen Revolten gegen die Assyrer im frühen siebten Jahrhundert vor Christus. Troia sei die kilikische Bergfestung Karatepe.

          Man stutzt, denn Griechenland und die Ägäis kommen in Schrotts "Ilias" praktisch nicht vor; auch werden die Erzählstruktur des Werks und die von Schrott selbst noch vor kurzem (Hanser Akzente 3/2006) mit Nachdruck vertretene Mündlichkeit des Epos ausgeblendet. Akzeptiert man diese Verfremdung, stellt sich die Frage nach der Basis von Schrotts "kumulativer Beweisführung". Gab es in Kilikien überhaupt Griechen? Casabonne, Schrotts primäre Autorität für Kilikien, stellte 2004 fest: Ja, es gab dort Griechen, doch die Annahme einer griechischen Kolonisation "bleibt illusorisch". Schrott weiß das und gibt selbst zu: "Von griechischen Kolonien kann eigentlich kaum gesprochen werden" - was ihn nicht hindert, sehr oft von griechischer Kolonisation zu sprechen. Ebenso heikel ist die Ionier-Frage: In orientalischen Quellen werden "Iawones" erwähnt, die man mit den griechischen Ioniern in Verbindung bringt. Leider zählten die Assyrer auch Phöniker und Angehörige anderer Völker zu den "Ioniern". Rollinger, Schrotts wichtigste Referenz in dieser Sache, hat betont, dass das also nicht Ionier in modernem oder antikem Sinn seien, sondern "Ionier" aus Sicht der Assyrer. Schrott lässt diese Warnung weg, tilgt die Anführungszeichen, hat plötzlich Ionier - und verformt den weitgehend von Rollinger übernommenen Text entscheidend.

          Dieser Thesenfinder hat ein ganz und gar

          abenteuerliches Herz

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