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Verfolgte Jesiden : „Hilf uns, wir werden alle getötet!“

Auf der Flucht vor den Mördern des IS: Das neun Jahre alte jesidische Mädchen Salma Bakir wartet im Dezember mit ihrer Familie an der mazedonischen Grenze. Bild: AP

Als die IS-Miliz begann, ihr Volk zu ermorden, eilte die deutsche Jesidin Düzen Tekkal ihren Landsleuten zu Hilfe. In ihrem eindringlichen Buch warnt sie davor, dass unsere offene Gesellschaft zerbricht.

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          Ein Mann, den Düzen Tekkal nicht kennt und der sie nicht kennt, ruft sie im August 2014 an. „Hilf uns, wir werden alle getötet!“ Immer wieder klingelt das Telefon an diesem Tag, von dem sie sagt, er habe ihr Leben verändert. Immer wieder sind es fremde weinende, verzweifelte Menschen, die flehen: „Hilf uns.“ Der IS hatte begonnen, die Jesiden zu ermorden. Es leben etwa eine Million in der ganzen Welt, die Hälfte von ihnen ist auf der Flucht. Düzen Tekkal ist eine von 100.000 Jesiden in Deutschland.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Sie packt sofort, ihr Vater begleitet sie, und sie fliegen in den Norden des Iraks, der zu dieser Zeit der gefährlichste Ort der Welt ist. Sie trifft auf mutige jesidische Männer, die schlecht ausgerüstet gegen den IS kämpfen, darunter viele aus Deutschland. Von einem, einem Bäcker, der zuvor noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatte, erzählt sie, er habe seinen Angehörigen aufgetragen, wenn er sterbe, sollen sie ihm die Deutschlandfahne auf den Sarg legen. Weil Deutschland das erste Land ist, in dem Jesiden frei leben können.

          An der Front wird Deutsch gesprochen

          Auf beiden Seiten der Front wurde Deutsch gesprochen, schreibt Düzen Tekkal, bei den Islamisten und bei jenen, die verschleppte Frauen und Kinder zu retten versuchten. Aus diesen Erlebnissen ist ein ungewöhnlicher und erschütternder filmischer Kriegsbericht geworden, „Háwar“, was auf Kurdisch Hilfe heißt. Später, in Deutschland, wagt es eine große Kinokette nicht, diesen Film zu zeigen - aus Angst vor Anschlägen. Diese Angst, die sich ausbreitet, und diese Bedrohung unseres Zusammenlebens sind das große Thema ihres Buches. Sie fügt dem religiösen Extremismus einen „bösen Zwilling“ hinzu, den stärker werdenden Rechtsextremismus. Und sie schreibt in ihrem Buch ausführlich über Migranten, vor allem aus der Türkei stammende, und die aus ihrer Sicht wesentlichen Gründe für das Scheitern so vieler von ihnen.

          Im Unterschied zu den Kapiteln über die Reise, die alles veränderte, die jesidische Kultur und ihre Kindheit und Jugend, die frisch, packend und voller Humor erzählt sind, geraten ihre Ratschläge, wie man dem Scheitern der Integration begegnen sollte, zuweilen recht plakativ. Unerbittlich verlangt sie, dass wir uns ändern, dass wir uns stärker für jene anderen interessieren müssen, die es nicht so geschafft haben wie Düzen Tekkal selbst. Zwar hat sie recht, es ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Und sie räumt auch ein, dass Migranten der dritten Generation nicht selten zu „satt“ sind, sich nicht anstrengen und ihre Opfermentalität pflegen.

          Ein Mann, den sie nicht kannte und der sie nicht kannte, rief sie im August an: Die Jesidin Düzen Tekkal kam wie viele andere ihren von der Terrormiliz IS bedrohten Landsleuten zu Hilfe.

          Ihre Empfehlungen, der Segregation in Schulen und Städten entgegenzuwirken, überzeugen nicht, weil sie die Vorgeschichte ausblendet: die Abstimmung mit den Füßen aus Vierteln, in denen schließlich die orthodox bis tribal organisierten Einwanderer unter sich blieben. Denn wer ging, war oft selbst benachteiligt - aber mit Idealen gewappnet, wie sie Düzen Tekkal in der eigenen Familie erlebt hat und anerzogen bekam. Bestechend klar ist dann wieder ihr Befund, warum der Multikulturalismus gescheitert ist: Die relativistische Idee interessiere sich nicht für den Einzelnen, sondern nur für die Kultur; sie anzuerkennen soll Pflicht sein, auch wenn dadurch religiöse Dogmen und überkommene Traditionen über individuelle Rechte gestellt werden.

          Deutschland nahm mit offenen Armen auf

          Düzen Tekkal ist eine Kämpferin, mutig, klug und sehr durchsetzungsfähig. Sie ist die Tochter eines Gastarbeiters aus Südostanatolien, der gern mehr gelernt hätte und diese Sehnsucht, diesen Bildungsehrgeiz auf seine elf Kinder übertrug - mit großem Erfolg. Die starke, selbstbewusste Mutter, eine Analphabetin, brachte ihren Kindern bei, dass und warum man sich anstrengen muss, um sein Leben zu meistern. Der Vater hätte auch in der Türkei auf die Oberschule gekonnt, aber sein Vater weigerte sich. Die Tekkals sind Jesiden und mit dem Angebot der höheren Schule verband sich für den Großvater die Furcht, der Sohn könnte missioniert werden. Also ging er nach Deutschland, das ihn, so empfand er es, mit offenen Armen aufnahm.

          Das Glück, in einer solchen Familie groß zu werden, mit Eltern, die das ungestüme Kind nie behinderten, hat Düzen Tekkal stark und furchtlos gemacht. Von Beginn an, schreibt sie, habe sie in zwei Welten gelebt, sich jedoch nie zerrissen gefühlt. „Ich saß nicht ,zwischen den Stühlen‘, sondern wechselte zwischen dem Deutschen und dem Kurdisch-Jesidischen hin und her.“ Das habe sie immer als sehr befruchtend erlebt. Sie studierte, finanziell unterstützt vom großen Bruder, Politik und Germanistik und wurde Journalistin. Zur Abschlussprüfung kam die ganze stolze Familie - zwanzig Leute - mit. Beim Festschmaus in der Pizzeria erzählte der Vater jedem, der vorbeikam, von seiner Tochter, die das Studium „mit Eins, mit Eins!“ bestanden habe, und ließ sich beglückwünschen.

          Düzen Tekkals Biographie, ihr Aufwachsen in dieser fidelen, riesigen Familie ist nur ein Nebenstrang des Buchs. Doch stellt sie sich ihren Lesern nicht einfach nur als exemplarisches Beispiel für das Ankommen in einer freien offenen Gesellschaft vor. Ihr persönliches Buch will ein Beitrag zu einer Debatte sein, die unbedingt geführt werden muss. Nicht mehr verdruckst und politisch korrekt wie bisher, was noch jeden Konflikt glattbügelt hat. So unerschrocken streitbar, wie sie selbst es tut, sollten die Debatte alle führen. Weil die Angst und die „bösen Zwillinge“ und der informelle Gesinnungsterror das Fundament unseres Zusammenlebens wirklich bedrohen.

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