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: Deutschland, einig Gaunerland

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Doch das kann Müller nicht zugeben, denn er will ja abrechnen mit der Elite des Landes. Er hat dazu nicht, wie Pierre Bourdieu, die Eliten in Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Politik untersucht und befragt, sondern viel gelesen und viel ferngesehen und sich noch mehr aufgeregt. Diese Methode scheint freilich genau jene Erkenntnisse zu fördern, die alle Fernsehzuschauer auch immer gewinnen: Alle stecken unter einer Decke! Und wer zahlt die Zeche? Der kleine Mann!

Auch hier ist es die serielle Betrachtung von Skandalen, die die Empörung so richtig hochkochen läßt: Der Ackermann - arbeitet der wirklich mehr als sein einfachster Angestellter? Die Agenda 2010 - war doch 'ne Pleite! Die Firma Grohe - kaputtgemacht von Heuschrecken. Schließlich Müllers bitterer Satz: "Andrea Nahles wurde nicht SPD-Generalsekretärin, Wolfgang Thierse ist nicht mehr Bundestagspräsident!" Alles hängt mit allem zusammen - und auch wieder nicht. Viele von Müllers Beispielen sind wirklich skandalös und wurden in den wichtigsten Medien auch entsprechend kommentiert. Gerade etwa der von Müller schwer gescholtene "Spiegel" hat sich weder bei der Kritik an Ackermann noch an Hartz IV übertreffen lassen. Man kann auch nicht behaupten, daß Hedge-Fonds, Drückerkolonnen und der Handel mit Schrott-Immobilien zu jenen Branchen zählen, in die gutmeinende Eltern ihre tüchtigen Kinder am allerliebsten vermitteln würden. Außerdem sitzt im Bundestag eine starke Linksfraktion, die in vielen Punkten Müllers Sicht der Dinge vertritt und deren Chefs es an Medienpräsenz mit den Herren Henkel und Merz durchaus aufnehmen können.

Das Buch ist aber nicht nur Furor, es hat rührende, tröstende Stellen, etwa wo es aufzählt, wie der Kapitalismus den Menschen krank macht, Schlaflosigkeit und Übergewicht verursacht sowie das nächtliche Zähnemalmen und die "posttraumatische Verbitterungsstörung!".

Mit der Identifizierung einer neoliberal verblendeten Elite hat das alles nichts zu tun. Müller hält Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn für "den mächtigsten Mann Deutschlands" - der freilich ist mit seiner Skepsis gegenüber der Börse und seinen Predigten vom ethisch verantwortlichen Unternehmertum alles andere als ein Neoliberaler. Und Frau Mohn erwähnt Müller gar nicht erst. Müller sieht selbst heftig verfeindete Einzelgänger und Konkurrenten als Partners in Crime, von der Südpfalz aus stehen sich in Berlin eben alle nahe.

Früher griffen viele, die auf das ganze Land sauer waren, zu Bernt Engelmann oder zu Günter Ogger, um sich bestätigen zu lassen, daß alle Verbrecher sind; heute hat man zu diesem Zweck halt Roth und Müller neben dem Bett liegen. Es ist der buchförmige Ersatz für einen stets mitfühlenden Barmann, der jede noch so entlegene Klage mit einem Drink und "Schlecht die Welt, böse der Mensch!" zu lindern versteht.

NILS MINKMAR.

Albrecht Müller: "Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet". Droemer 2006, 364 Seiten, 19,90 Euro.

Jürgen Roth: "Der Deutschland-Clan. Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz". Eichborn, 256 Seiten, 19,90 Euro.

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