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: Deutschland, einig Gaunerland

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Dem Buch wohnt ein rührender lutherischer oder volksmagischer Zug inne: Wird ein Skandal oder auch nur dessen Schauplatz einmal benannt, so ist das Böse in ihm auch gebannt. Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen halten auf, es muß weiter benannt werden. Die ganze Reise hat ein Ziel, und das ist weit: Petersburg, also Gasprom. Schröder geht zu Gasprom. Das ist ein so dickes Ding, daß Roth es mehrmals an- und ausführt: Putin, KGB, andere Deutsche - Stasi, Schröder früher bei den Jusos, alles klar.

Daß es sein Generalargument einer organisierten Machtübernahme Deutschlands durch einen neoliberalen Clan nicht plausibler macht, wenn der ehemalige Bundeskanzler sich bis nach Petersburg und unter Beschädigung seiner Reputation in solche erkennbar dunklen Kreise begeben muß, um ordentlich Geld zu verdienen, daß er also offenbar in seinem Heimatland gar nicht über entsprechende Unterweltsverbindungen verfügt, fällt Roth nicht auf. Auch vor der angeblich furchterregenden und - wegen Seilschaften mit den Medien - unhinterfragbaren Macht eines Wolfgang Clement kann einem nur dann gruseln, wenn man vergißt, daß Clement und die anderen NRW-SPD-Größen vom angeblich so leicht zu manipulierenden Wähler schnöde ins Privatleben verabschiedet wurden.

Aber da ist Roth längst woanders, er wird überall gebraucht, um uns von einem "Schweinfurter Bauträger, der nur mit albanischer Leibgarde im Auto fährt" zu erzählen, oder von Florian Gerster und dessen freihändigen PR-Aufträgen. Aus Peter Hartz & Co hätte er vielleicht noch ein wenig mehr machen können, auch dessen Adlatus Helmuth Schuster kommt zu kurz, obwohl der doch einiges dafür getan hat, um in diese unendliche Skandalchronik aufgenommen zu werden.

Dafür geht es um die Phoenix-Affäre, die Berliner Bankgesellschaft, die "Spätzle-Connection" sowie um einen Yassin Dogmoch, der "am liebsten Loire-Weißwein" trinkt - nicht auszumalen, welche Serie an Missetaten Roth aufzählen müßte, wenn der Mann sich sizilianischen Chardonnay genehmigt hätte!

Roths Parforceritt durch das Land der Gauner hat etwas von Jules Verne und Karl May. Ein kleiner Unterschied besteht leider: Roth erfindet nichts, es passiert ja wirklich immerzu viel Schlimmes. Roth empört sich bloß mehr als andere, und in seinem Furor sieht er das Land nicht in der Hand eines Clans, sondern als einen einzigen großen Gaunerclan, der sich, wo immer es geht, auch noch mit den Nachbarstaatenclans zusammentut, wo es ja noch schlimmer ist.

Albrecht Müller - ehemaliger Kanzleramtsplanungschef unter Helmut Schmidt, dann lange Jahre SPD-Bundestagsabgeordneter - wirft seinen Blick auf das Land von der schönen Südpfalz aus, aber der Rückzug dorthin hat ihn innerlich nicht befriedet, sondern aufgewühlt. So wie Montaigne ja schon notierte, nach seinem Rückzug in den Turm sei die Vorstellungskraft wie ein wildes Pferd mit ihm durchgegangen, so ergeht es auch diesem Autor, der besonders mit der eigenen, sozial und geographisch abseitigen Position zu hadern scheint. Besonders beklagenswert findet Müller, daß soviel geklagt wird: Das Land pleite, die Kassen leer, die Gewerkschaften zu mächtig; wo, fragt Müller - im Einklang mit den Leserbriefschreibern dieser Welt -, bleibt das Positive? Man solle den Menschen lieber Mut machen, denn Konjunktur sei Psychologie, und wenn man dann noch die Löhne erhöhe, dann werde der Laden schon wieder laufen. Damit ist Müller aber keineswegs so allein, wie er tut - in der CDU hätte er mit dieser Position eine klare Mehrheit.

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