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: Deutsches Wassertreten mit Uwe Heyll

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Der Dresdner Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz (1842 bis 1922) brachte 1902 ein "naturgemäßes" Getränk aus Südfrüchten und heimischen Obstarten unter der Bezeichnung "Bilz Brause" auf den Markt. Um Nachahmern ein Schnippchen zu schlagen, suchte er einen geschützten Markennamen. Aus einem Preisausschreiben ging ...

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          Der Dresdner Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz (1842 bis 1922) brachte 1902 ein "naturgemäßes" Getränk aus Südfrüchten und heimischen Obstarten unter der Bezeichnung "Bilz Brause" auf den Markt. Um Nachahmern ein Schnippchen zu schlagen, suchte er einen geschützten Markennamen. Aus einem Preisausschreiben ging 1905 Sinalco (die Abkürzung der lateinischen Bezeichnung für "ohne Alkohol") als Sieger hervor. Bilz war der Verfasser eines sehr frequentierten Gesundheitsratgebers: "Das neue Naturheilverfahren" (1888). Seit 1892 betrieb er in Dresden eine Naturheilanstalt mit einem öffentlichen Licht-Luft-Bad, das über ein Wellenbad verfügte.

          Bilz war einer der erfolgreichsten Vertreter der Naturheilbewegung. Er nahm es mit der reinen Lehre nicht genau und war Kräuterbehandlungen (einer pflanzlichen Arzneimitteltherapie) sowie der Homöopathie gegenüber aufgeschlossen. Die Feststellung, daß diese Art von Naturheilkunde nicht mehr viel mit den Idealen der Gründergeneration zu tun hat, durchzieht Uwe Heylls Ideengeschichte wie ein roter Faden. Er hält es eher mit den Gralshütern. Zu diesen gehört Vincenz Prießnitz. Die Wasserkur, die seinen Namen trägt, steht am Anfang der modernen Naturheilkunde. Die heilende Kraft des Wassers hatte er entdeckt, als er mit feuchtkalten Brustpackungen seinen Rippenbruch kurierte.

          Heyll rekonstruiert den Alltag in der Naturheilanstalt, die Prießnitz auf dem Gräfenberg in Niederschlesien 1830 gründete, unkritisch aus Quellen, die von Anhängern und Gegnern dieses "Wasserdoktors" verfaßt wurden. Der nach Prießnitz bedeutendste Vertreter einer naturgemäßen Wasserbehandlung im neunzehnten Jahrhundert, Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897), kommt bei Heyll schlecht weg, denn er ist kein Vertreter der reinen Lehre. Gleichwohl stand die Kneippbewegung auf dem ideologischen Boden des Naturismus. Das gleiche gilt für weite Teile der Lebensreformbewegung, die in dieser Darstellung nur beiläufig erwähnt wird.

          Die Pioniere der deutschen Naturheilbewegung waren, wie Heyll zu Recht betont, stark vom Rousseauschen Naturismus geprägt. Sie riefen dazu auf, zur Natur zurückzufinden und die Heilmittel, die diese zur Verfügung stelle, zu gebrauchen. Sie waren überzeugt, daß die Naturerkenntnis nicht durch Wissenschaft, sondern durch den Instinkt des Menschen geschehen müsse. Diese Lehre vom Instinkt wurde von dem bayerischen Militärarzt Dr. Lorenz Gleich (1798 bis 1865) theoretisch fundiert. Mit ihm beginnt die Unterscheidung der eher traditionellen Wasserheilkunde von der späteren Naturheilkunde. (Unsere Abbildung stammt aus dem Buch "Die Frau als Hausärztin", 1903.)

          Wenn Heyll meint, daß die Naturheilkunde untergegangen ist und einer fast beliebigen "Regulationsmedizin" Platz gemacht hat, dann verkennt er, daß sich eine medizinkritische Massenbewegung, die sich die Arzneilosigkeit auf die Fahne geschrieben hatte, nicht durch eine einheitliche ideologische Basis, sondern durch einen Empirismus und Synkretismus auszeichnet, die ihr die Überlebensfähigkeit sicherten.

          ROBERT JÜTTE

          Uwe Heyll: "Wasser, Fasten, Luft und Licht". Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006. 310 S., 38 s/w Abb., 29,90 [Euro].

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