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Literatur in Vor- und Nachmärz : Diese Welt ist wie ein ausgelesenes Buch

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Die Folgen der Industrialisierung sind ein wesentliches Thema der Literatur im 19. Jahrhundert. Borsigs Fabrik malte Karl Eduard Biermann 1847. Bild: Archiv

Und doch, wie viel Dynamik hatte die Literatur des Vormärz: Peter Sprengel bildet sie ab und zeigt ihren Weg zum Realismus.

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          Es dürfte kaum einen lebenden Germanisten geben, der das neunzehnte Jahrhundert weiträumiger erkundet hat als Peter Sprengel, der bis 2016 an der Freien Universität lehrte. In der renommierten „Deutschen Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“ des Verlags C.H. Beck hat er nun bereits zum dritten Mal einen umfangreichen Band im Alleingang bestritten. Zuvor war die Literatur zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreichs und dem Ende des Ersten Weltkriegs sein Thema (in zwei Teilen); jetzt liegt seine Literaturgeschichte der Jahre von 1830 bis 1870 vor. Es ist kein trockenes Nachschlagekompendium, sondern ein Buch, in dem sich jeder Interessierte sofort festliest, verfasst in einem Stil, der von selbstzufriedenem Fachjargon angenehm frei ist.

          Unter welchem Begriff ist die Epoche zu fassen? Ein dreitausendseitiges Monumentalwerk des Germanisten Friedrich Sengle hat ihr vor fünfzig Jahren den Begriff der „Biedermeierzeit“ aufgeprägt und konservative Akzente gesetzt, sowohl in den Porträts der Autoren wie in den filigranen Formanalysen. Unter den Germanisten gab es fortan eine Begriffsschlacht. Sengles Antipoden aus dem linken Spektrum der siebziger Jahre, für die die Zeit der Restauration zugleich eine der Barrikadenträume war, bevorzugten die politisch aufgeladene Epochenbezeichnung des Vormärz. Aus heutiger Sicht erscheint es sinnvoll, beide Perspektiven in ihrer Komplementarität zu nutzen, um den epochentypischen Gegensatz von Enge und Weite, Statik und Dynamik besser in den Griff zu bekommen. Dies tut Sprengel. Den lakonischen Titel seiner Literaturgeschichte, „Vormärz – Nachmärz“, will er vor allem chronologisch verstanden wissen.

          Porträt einer Epoche

          Noch unkonventioneller als in Sprengels Bänden über die Jahre 1870 bis 1918 ist der Aufbau des Buches. Die traditionelle „Literaturgeschichte nach Gattungen“ beginnt erst nach der Hälfte. Auf den dreihundert Seiten davor liefert Sprengel das fulminante „Porträt einer Epoche“. Dabei stellt er eine überraschend dichte Verzahnung zwischen der Ereignisgeschichte und dem politisch-literarischen Diskurs fest und verwendet allein hundertfünfzig Seiten darauf, um die erregten Debatten der Zeit und ihre literarischen Niederschläge vorzustellen. Das am weitesten ausstrahlende Ereignis war die in Schüben verlaufende Revolution von 1848 und 1849, weil sie sich mit großen politischen Hoffnungen und Desillusionen verband.

          Unter dem Topfdeckel der Metternich-Restauration gärte es jedenfalls heftig. Viele Schriften unterlagen der politischen Zensur, die allerdings lokal organisiert und deshalb ineffektiv war. Sprengel zeigt, wie die Autoren oft auskömmlich mit dem Zensurwesen zu leben und zu publizieren verstanden. Dank der deutschen Kleinstaaterei mussten sie nur über die nächste Grenze gehen, um heftige politische Attacken zu veröffentlichen. Geschickte Verleger machten sich das Toleranz- und Liberalitätsgefälle zwischen den Städten und Kleinstaaten des Deutschen Bundes zunutze, um Werke mit dem Gütesiegel der Zensur anderswo als heiße Ware zu veröffentlichen. Verbote brachten den Autoren Reputationsgewinn.

          Ideenschmuggel

          Mit einem Wort Karl Gutzkows nennt Sprengel diese Publikationsstrategie „Ideenschmuggel“; Heine war ein Virtuose darin. Unterschätzen sollte man die politischen Verfolgungen deshalb jedoch nicht. Sie führten dazu, dass zahlreiche Autoren in die Emigration gingen, so dass es in Städten wie London, Paris oder Zürich Exilantenkolonien gab, deren Mitglieder über den deutschen Verhältnissen brüteten und sich gegenseitig missgünstig beobachteten.

          Ernst Willkomms Roman „Die Europamüden“ lieferte ein wichtiges Stichwort. Fünf Millionen Deutsche sind im neunzehnten Jahrhundert nach Nordamerika ausgewandert; Bremerhaven wurde scherzhaft zum Vorort von New York erklärt. Amerika beschäftigte die Phantasie der Schriftsteller. „Ich schlag mir Deutschland aus dem Sinn / Und wandre jetzt nach Texas hin“, dichtete Hoffmann von Fallersleben. Für manche, die nach den Enttäuschungen der Märzrevolution in die Vereinigten Staaten auswanderten, wurde der Kampf um die Sklavenbefreiung ein Ersatzschauplatz für ihr liberales Engagement, etwa für die Autorin Franziska Anneke, die ihre Farm in Texas „Uhland“ nannte – der Dichter war zu einer Symbolfigur des Strebens nach Freiheit und nationaler Einigung geworden.

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