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Deutsche Dialekte : Wat de Buer nich kennt, dat fritt he nich

  • -Aktualisiert am

Was soll des haaße, Reschjolekt? Sichtung hessischer Mundart in freier Wildbahn. Bild: picture alliance / blickwinkel/lobster

So exotisch kann die Heimat klingen: Zwei Bände stellen die Eigenheiten des Hessischen und Plattdeutschen vor. Sie zeigen, dass es keinen Anlass gibt, den Mundarten den Totenschein auszustellen.

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          „Es ist ein romantischer Zug der Einheitssprache, nach ihrem Siege den besiegten Mundarten schöne Grabsteine zu setzen“, schrieb der Wiener Sprachkritiker Fritz Mauthner bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Jetzt ist im Dudenverlag ein Buch erschienen, das das Plattdeutsche porträtiert, und ein weiteres, das sich dem Hessischen widmet. Muss man die hübsch aufgemachten Bändchen nun als Grabsteine ansehen, mit der Inschrift „Duden“ als letztem Gruß des hinterbliebenen Standarddeutschs? Das wäre selbst heute noch verfrüht. Zwar ist die Bedeutung der Dialekte seit Mauthners Zeiten noch weiter zurückgegangen – im Norden und in der Mitte des deutschen Sprachraums stärker als im Süden –, aber es gibt keinen Anlass, den Mundarten den Totenschein auszustellen.

          Nach wie vor snacken, küren, kallen, babbeln oder schwätzen viele Menschen, und noch bedeutend mehr verstehen immerhin, was da gesagt wird. Viele, die beides nicht können, interessieren sich trotzdem – oder deshalb – für die heimatliche Exotik dieser Sprachwelten. Ihnen allen liefern die beiden Bände einen ebenso informativen wie unterhaltsamen Einblick. Die Autoren sind ausgewiesene Kenner der Materie. Reinhard Goltz, der den Plattdeutsch-Band geschrieben hat, ist seit vielen ­Jahren Vorstand des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen; Lars Vorberger hat am Marburger Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas den hessischen Sprachraum erkundet. Beide Autoren kommen ohne linguistischen Fachjargon aus, meiden aber auch die betuliche Humorigkeit, die den Mund­arten sonst gern angeheftet wird.

          Die Kontaktgeschichte zwischen Platt- und Hochdeutsch

          Gegliedert ist jeder Band in achtundvierzig individuell festgelegte Stichwörter, die als Aufhänger dienen für kurze Texte über den Wortschatz und die Sprachgeschichte, die Gliederung des Dialektgebiets, grammatische Eigenheiten, die Rolle der Mundart im Alltag der Menschen, in der regionalen Kultur und in den Medien. Der Plattdeutsch-Band startet mit „Altsächsisch“, der ältesten Stufe dieser Sprache, präsentiert mit „Dat du mien Leevsten büst“ die heimliche Hymne der Plattdeutschen und erklärt unter „Lautverschiebung“, wie aus dem plattdeutschen „Ik will eten un slapen“ das hochdeutsche „Ich will essen und schlafen“ wurde.

          Rödinghausen auf Plattdeutsch? Ränghiusen!
          Rödinghausen auf Plattdeutsch? Ränghiusen! : Bild: picture alliance / dpa

          Unter „Moin“ lernt der Leser die Erfolgsgeschichte des knackig-kurzen Grußworts kennen und unter „Wat de Buer nich kennt, dat fritt he nich“ die kulinarischen Genüsse der Niederdeutschen. Der Band klingt mit dem Stichwort „Zweisprachigkeit“ aus, unter dem die wechselvolle Kontaktgeschichte zwischen Platt- und Hochdeutsch umrissen wird.

          Zwe Männer, zwu Frauen und zwä Stift

          Das Hessen-Buch eröffnet mit der „Ahle Worscht“, die nicht nur eine salamiähnliche Leckerei aus Nord­hessen ist, sondern auch Gelegenheit bietet, die vielen lautlichen Unterschiede zwischen Kassel und Darmstadt, Gießen und Fulda durchzuspielen. Das Stichwort „Goethe“ (eichentlisch „Geede“) gibt Gelegenheit, die hessische Aussprache des Dichters (Ach neiche / Du Schmerzensreiche) zu thematisieren, während „Kall, mei Trobbe“ (Karl, meine Tropfen) die unsterbliche Mama Hesselbach aus der Fernsehserie gleichen Namens zur Sprache kommen lässt – einer Sprache, die keinem eingewurzelten Dialekt entstammt, sondern ein deutschlandweit ausgestrahltes „Medienhessisch“ ist.

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