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Detlev Ganten u.a.: Die Steinzeit steckt uns in den Knochen : Hygiene ist gut, aber ein bisschen Dreck doch sehr gesund

Bild: Verlag

Die Evolutionsmedizin untersucht, was unsere Vorfahren uns vermachten: Eine populäre Darstellung führt ein aufstrebendes Fach vor Augen, das in der „Rückbesinnung auf die Lebensbedingungen unserer Vorfahren“ gewaltige Fortschritte sieht.

          „Die Sonnenseite der Traurigkeit“ – ist so etwas denkbar? Können Depressionen einen tieferen Sinn, gar eine positive Funktion haben? Schwer vorstellbar nach all dem, was in den vergangenen Tagen nach dem Freitod des deutschen Nationaltorhüters Enke kollektiv empfunden und publiziert wurde. Wie sollte Schwermut, die einen Menschen allen Erfolgen zum Trotz verzweifeln lässt, denn anders aufzufassen sein als ein Irrweg der Natur, als eine fatale Krankheit?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Was sich kaum jemand vorzustellen wagt, die Evolutionsmedizin tut genau dies. Sie sucht in der seelischen Störung die Sinnhaftigkeit, den evolutionären Anpassungswert. Immerhin: Depressionen kennen die Kung! im afrikanischen Busch genauso wie die Helden der Zivilisation im Westen. Und wenn man die fast schon lückenlose Verbreitung – medizinisch: Prävalenz – depressiver Episoden betrachtet, über die die Weltgesundheitsorganisation mittlerweile laut zu klagen weiß, dann liegen Fragen wie die folgende fast schon auf der Hand: Könnte es sein, fragen sich die beiden amerikanischen Verhaltensgenetiker Paul Andrews und Anderson Thomson Junior in einem aktuellen Aufsatz im „Psychological Review“, dass sich Depression als ein von Isolierung, Appetitlosigkeit und extremer Nachdenklichkeit begleiteter Wesenszug des Menschen durchgesetzt hat, der ihm früher Vorteile beschert hat – zum Beispiel den, dass der Depressive seine Aufmerksamkeit konsequent und effizient auf die Analyse komplexer Probleme, mit denen der Homo sapiens zusehends konfrontiert war, gelenkt hat? Dass die Melancholie das Nachsinnen antreibt wie das Fieber die Immunabwehr? Überspitzt formuliert: Haben die seelischen Auszeiten den Fortpflanzungserfolg des frühen Menschen am Ende gar gesteigert?

          Die Evolutionsmediziner verschaffen sich Gehör

          Die Wissenschaftler, die sich solche Fragen stellen und medizinisch einen Nutzen daraus zu ziehen versuchen, hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht in einem klinischen Umfeld, das weniger nach den evolutionären Ursachen menschlicher Wesenszüge fragt als nach deren Funktionieren oder Nichtfunktionieren. Und doch scheint ihre Zeit jetzt gekommen. Die Evolutionsmediziner verschaffen sich Gehör. Sie denken über ein eigenes Fachjournal und Fachgesellschaften nach, verlieren auf Medizinkongressen wie jüngst dem „Weltgesundheitsgipfel“ ihren Exotenstatus. Und das erste deutschsprachige Buch mit Popularisierungsanspruch liegt nun auch schon vor.

          Geschrieben haben es der Berliner Molekularbiologe Detlev Ganten und die beiden Wissenschaftsautoren Thilo Spahl und Thomas Deichmann. Ihre zentrale These lautet: Gesundheit und Krankheit sind öfter als gedacht das Erbe der Evolution. Schöner liest sich das in ihrem Titel: „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“. Und die wichtigste Frage heißt deshalb auch: Warum ist der menschliche Körper bei allen evolutionären Fortschritten – denken wir an das Größenwachstum des Gehirns – am Ende doch so unvollkommen? Wieso also haben wir noch Weisheitszähne und Wurmfortsatz, wieso den engen Geburtskanal bei Frauen, und weshalb hat die natürliche Selektion nicht verhindert, dass wir Gene vererben, die Gefäßverstopfungen befördern oder Fettsucht begünstigen? Schon diese kleine Auswahl macht deutlich, wo die Evolutionsmedizin am Mängelwesen Mensch ansetzt: an vielen Details.

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