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Detlef Briesen: Das gesunde Leben : Und trotzdem werden die Wartezimmer immer voller

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Bild: Campus

Von der Branntweinpest bis zur Raucherecke: Detlef Briesen untersucht den Wandel der Gesundheitsvorsorge

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          Der Arzt zum Patienten nach der Untersuchung: „Machen Sie Schluss mit dem Rauchen!“ - Ich rauche gar nicht.“ - „Dann Schluss mit Alkohol!“ - „Ich trinke doch nur Wasser.“ - „Mmmh . . . dann Schluss mit Wasser!“ Was hier als Witz gemeint ist, hat einen realen Hintergrund, wenn man sich die zahlreichen wohlmeinenden Ratschläge anschaut, mit denen Ärzte immer wieder versucht haben, ihre Patienten von krankmachendem Verhalten abzubringen und die Gesundheit zu befördern. So galt Tabak anfangs als gesundheitsförderlich, bis man entdeckte, dass Rauchen schädlich ist.

          Ratschläge zur angeblich richtigen Ernährung, die einst en vogue waren, werden heute von Gesundheitsexperten milde belächelt, ohne dass sie sich dabei im Klaren sind, dass auch die aktuellen Erkenntnisse schon bald überholt sein dürften. „Der Wandel der Ideen, Vorschriften und Ausprägungen des gesunden Lebensstils mit den entsprechenden Rückschlägen, Fehlern und Abneigungen“, so zeigt jetzt ein historisches Sachbuch von Detlef Briesen, „war ein äußerst komplexer Prozess.“ Vor allem waren daran unterschiedliche Akteure beteiligt: nicht nur Gesundheitsexperten und ihre Zielgruppe, sondern auch der Staat, die Kirchen, Interessenverbände, die Werbe- und die Pharmaindustrie.

          Rohkost und Temperenzbewegung

          Briesen unternimmt den im Großen und Ganzen gelungenen Versuch, die unterschiedlichen Gesundheitsbewegungen und Gesundheitsstile in den letzten zwei Jahrhunderten zu beschreiben, und zwar im Vergleich zwischen der Entwicklung in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. In beiden Fällen handelt es sich um Länder, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten Vorreiter für „gesundheitliche Revolutionen“, wie der Verfasser es nennt, waren. Nach einem leider verkürzten Rückblick auf die antike Diätetik, die bis heute noch in Teilen der Naturheilkunde fröhliche Urstände feiert, kommt die Lebensreformbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgiebig zu Wort.

          Dieser medizinkritischen Bewegung ging es unter anderem um die richtige Ernährung (Stichwort Rohkost beziehungsweise Vegetarismus) und um die Vermeidung sogenannter Genussgifte, zu denen vor allem Alkohol und Nikotin zählten. Das Ganze wird vor dem Hintergrund der Veränderungen analysiert, die die Industrialisierung und Urbanisierung im 19. Jahrhundert mit sich brachten. Nachdem neue, preiswerte Destillierverfahren es ermöglichten, aus einer Vielzahl von landwirtschaftlichen Produkten (darunter nicht nur Wein, sondern auch Kartoffeln, Rohrzucker, Getreide) hochprozentige Spirituosen herzustellen, sahen sich Mediziner gezwungen, vor den gesundheitlichen Gefahren der „Branntweinpest“ zu warnen. Sie stießen auf offene Türen bei weltlicher und kirchlicher Obrigkeit, die im Alkoholkonsum ein moralisches, aber nicht zuletzt auch ein an Brisanz zunehmendes soziales Problem sahen, das es zu lösen galt. Im Unterschied zu Deutschland probierten es die Vereinigten Staaten für einige Jahre mit der Prohibition, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg, wie Briesen veranschaulicht. Denn es gab viele Möglichkeiten, die gesetzlichen Vorschriften zu umgehen, und nicht zuletzt einen blühenden Schwarzhandel, der wiederum andere Formen der Kriminalität förderte. So wurde das entsprechende Gesetz 1933 vom Kongress wieder außer Kraft gesetzt. In Deutschland blieb es dagegen bei den Appellen zum Alkoholverzicht von Seiten der Mäßigkeitsvereine (Temperenzbewegung), die leider im Vergleich zu Amerika hier nur recht stiefmütterlich abgehandelt werden.

          Rauchfreie Gaststätten: Eine Idee der Nationalsozialisten

          Gegen ein anderes gesundheitsschädliches Laster ging man in Deutschland im Unterschied zu den Vereinigten Staaten sehr viel restriktiver vor, nämlich das Rauchen. Wer weiß heute schon, dass es bereits 1939 in Deutschland rauchfreie Restaurants und Toiletten gab und dass es deutsche Forscher waren, die mit ihren bahnbrechenden Forschungsergebnissen zum kausalen Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs das nationalsozialistische Regime bestärkten, Rauchverbote für bestimmte Gruppen und Räume zu erlassen? Auch in Fragen der Ernährung versuchte man im Dritten Reich, von Seiten des Staates der Bevölkerung angeblich gesunde Nahrung aufzuzwingen, dazu gehörte das Vollkornbrot. Ansonsten hat die häufig auf Zwang hinauslaufende Gesundheitsprävention der Nationalsozialisten, die in der Sache durchaus nicht immer falsch lag, kaum nachhaltige Wirkung entfaltet. Im Gegenteil: Gesundheitsprävention hatte es lange Zeit in der Bundesrepublik gerade aufgrund der jüngsten Vergangenheit schwer, Gehör zu finden. Leider hat Briesen die DDR als Vergleichsobjekt explizit, wenn auch ohne nähere Angaben von Gründen ausgeklammert. Lediglich zur „Ostalgie“ im gegenwärtigen Nahrungsmittelkonsum (Spreewaldgurken) findet sich bei ihm eine kursorische Bemerkung.

          Patentrezepte, wie Prävention im Gesundheitswesen erfolgreich etabliert werden kann, findet man in dieser historischen Darstellung des Wandels nicht, schließlich erweist sich die Geschichte nur in Ausnahmefällen als Lehrmeisterin. Aber immerhin können Gesundheitsexperten und Politiker durch die Lektüre wichtige Einsichten bekommen, beispielsweise die, dass neue Forschungsergebnisse zur gesunden Ernährung nur eine begrenzte wissenschaftliche Halbwertzeit haben. Oder die Erkenntnis, dass es nicht zu behebende Differenzen zwischen dem gibt, „was Menschen gerne konsumieren, was gut für sie ist, und dem, was sie verbrauchen, weil sie glauben, es wäre gut für sie“.

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