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: Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her

Sick blickt nicht hinauf, er schaut herab Bild: ddp

Warum der Sprachkritiker Bastian Sick so unglaublich nervt: Er verbeißt sich in anderer Leute Fehler, Floskeln und falsche Fremdwörter, ist ein Pedant und Besserwisser. Aber anscheinend hat er das Problem, daß er es selber nicht besser kann.

          Bastian Sick ist über die Deutschen gekommen wie ein Wahlkampf oder eine Werbekampagne. Gerade eben, also vor drei, vier Jahren, hatte kaum jemand je von Sick und seinem Zwiebelfisch gehört. Dann, so ums Jahr 2004 herum, war Bastian Sick so bekannt wie ein Reklamespruch oder ein Spitzenkandidat. Und naturgemäß läuft eine solche Aufmerksamkeitskurve zielgenau auf den Punkt hinaus, da Bastian Sick dem Publikum ebenso schwer auf die Nerven drücken wird, wie das heute Guido Westerwelle und Klaus Wowereit tun. Oder „Deutschlands meiste Kreditkarte“.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Womöglich ist dieser Moment ja schon da - und falls das so ist, liegt es bestimmt nicht daran, daß in Deutschland angeblich jeder Erfolgreiche irgendwann zum Opfer der sogenannten Neidkultur wird. Ganz im Gegenteil, die Geschichte von Sick, dem überemsigen Schlußredakteur bei „Spiegel online“, der seine Fehlermeldungen in kleine, kindliche Geschichten kleidete, welche der Redaktion so gut gefielen, daß man beschloß, diese Texte für alle zugänglich ins Netz zu stellen, wo sie dann von so vielen Menschen angeklickt wurden, daß der Verlag Kiepenheuer & Witsch auf die Idee kam, erst eins, dann noch eins und demnächst ein drittes Buch daraus zu machen, Gesamtauflage mehr als eine Million - diese Geschichte ist so schön, daß man ihre Wahrheit erst gar nicht in Frage stellen mag.

          Pedant und Besserwisser

          Heute füllt Bastian Sick die Sporthallen und Theatersäle, wenn er sich auf die Bühne stellt in seinem silbergrauen Show-Anzug und die Anekdoten und Lehrsätze aus seinen Kolumnen dem Publikum noch einmal, live, erzählt. Ja, möchte man da sagen, einverstanden, ist doch gut, wenn einer im großen Bau der deutschen Sprache den Hausmeister spielt: den Müll wegräumt und die Hausordnung immer wieder mit lustigen Geschichten aus seinem Leben auflockert.

          Bastian Sick bei der Präsentation seines ersten Bestsellers

          Viel ist geschrieben worden über das Phänomen Bastian Sick, und anscheinend gibt es einen allgemeinen Konsens darüber, daß Sick genau der Mann sei, auf den all jene Deutschen gewartet haben, die, verwirrt und verunsichert vom Trash des Fernsehens, dem Chaos der sogenannten Rechtschreibreform und den abenteuerlichen Kürzeln der E-Mails und SMS-Nachrichten, ganz vergessen haben, daß die deutsche Sprache über solche wunderbaren Möglichkeiten wie den Genitiv, den Irrealis oder das Semikolon verfügt. Und die, wo einst das Postamt war, staunend stehenbleiben vor dem Schild, auf welchem „Ihre Center Filiale“ steht, und irgendwie spüren, daß das weder deutsch noch englisch, sondern bloß gefährlicher Blödsinn ist; in solchen Momenten wird ein Tröster dringend gebraucht.

          Die beste Kritik des schlechten Deutsch wäre allerdings gutes Deutsch - und wer sich trotzdem dauernd in anderer Leute Fehler, Floskeln, falsche Fremdwörter verbeißt, setzt sich nicht nur dem Verdacht aus, daß er ein Pedant und Besserwisser sei; er hat anscheinend das Problem, daß er es selber nicht besser kann. Der „Verein deutsche Sprache“, ein Zusammenschluß von Reinheitsfanatikern, warb auf einer der letzten Buchmessen für „den Erhalt der deutschen Sprache“ - und die Leute am Stand, danach befragt, ob ihnen der Unterschied zwischen Erhalt und Erhaltung (welcher ja fast so groß sei wie der zwischen Unterhalt und Unterhaltung) wirklich nicht bekannt sei, schienen von solcher Pingeligkeit schwer genervt zu sein.

          Tabelle mit überflüssigen englischen Wörtern

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