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: Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her

„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Mit diesem, dem ersten Satz des Johannes-Evangeliums, hat Schneider seine Leser ein für allemal gegen die Pest der Synonyme und Umschreibungen immun gemacht - und wenn er sein Publikum ermuntert, sich von der Prosa des jungen Marx und des Doktors Freud, von den Erzählungen Franz Kafkas und der Zeichensetzung Friedrich Nietzsches inspirieren zu lassen, auch da, wo es nur um einen Brief ans Finanzamt geht: Dann spürt man, was für ein hohes Ethos die Sprachkritik haben kann.

Bastian Sick hält sich mit Ratschlägen und Hinweisen sehr zurück, und eine Leidenschaft für Rhythmus und Klang der Sprache, eine Begeisterung für gelungene Sätze sind nirgendwo zu finden. Was nicht einfach ein Mangel ist; es hat Methode: Sick blickt nicht hinauf, er schaut herab - und denen, die er angreift, verbessert, kritisiert, möchte man immer wieder zur Seite springen. Was hat denn so ein armer Dönerbudenbetreiber, der seine Speisekarte mit allzu vielen Apostrophen schmückt, eigentlich getan, daß Sick ihn dem Spott seines Publikums aussetzt? Soll der Arme sich aufhängen an dem blöden Sprachhäkchen? Oder der Fußballspieler Thomas Häßler: Was hat der denn getan, daß er sich schon wieder zitieren lassen muß mit dem Satz, wonach er „körperlich und physisch topfit“ sei? Bringt dieses Zitat (aus dem neuen Buch, das Kapitel heißt „Ich habe Vertrag“) irgendeinen Gewinn? Oder bedient es nur das Klischee, wonach Fußballer nicht ganz so gut Deutsch können wie professionelle Schlußredakteure? Und Sicks halbfiktiver „Sibylle“, die „aus allen Socken fällt“, einen „Katzenwurf weit“ weg ist oder eine „soziale Strähne“ hat, dieser Frau möchte man ausdrücklich gratulieren dafür, daß sie die abgeschmackten Floskeln nicht gebraucht, so wie man dem echten, von Sick verspotteten Uwe Ochsenknecht gratulieren möchte zu seiner Aussage, ein Kollege sei „ein Herz und eine Seele“ gewesen.

Sicks Publikum: normal gebildete Mittelschichtsbewohner

Und genau darin offenbart sich das Prinzip Bastian Sick und womöglich auch das Geheimnis seiner Popularität: Er zeigt mit dem Finger auf Leute, liefert jene dem Gespött aus, die sich eh schon schwertun, er appelliert, ausgerechnet auf dem Gebiet der Sprache, die (um es ein bißchen altmodisch zu formulieren) uns doch zu Höherem befähigen sollte, eher an die niedrigen Instinkte. Und insofern scheint die Arbeitshypothese über Sicks Wirkung nicht ganz zu stimmen, auch wenn man fairerweise erwähnen muß, daß sich in Sicks Kolumnen schon die eine oder andere Gebrauchsanweisung für korrekt zusammengeschraubte Sätze findet: Sicks Publikum scheint weniger aus jenen Leuten zu bestehen, die vor ihren Reisen die „Visas“ beantragen und „leckere Pizza's“ auf die Tafeln ihrer Imbißbuden schreiben. Vielmehr scheinen es die zu sein, denen der Unterschied zwischen dem Dativ und dem Genitiv bekannt ist, normal gebildete Mittelschichtsbewohner, denen Sicks dumme Späße die angenehme Gewißheit verschaffen, daß es zu denen da unten noch ein ganzes Stück Wegs weit ist.

Und so gehört wohl auch Bastian Sick zu jenem Phänomen, welches als sogenannte neue Bürgerlichkeit auch weiterhin durchs soziale Leben geistert: Angewidert vom Trash und zugleich verunsichert von der eigenen Abstiegsangst, sind wir anscheinend jedem dankbar, der uns versichert, daß, wo wir sind, noch nicht ganz unten ist. Sondern oben. Oder zumindest die Mitte. Das ist ein verständlicher Impuls. Aber besonders sympathisch ist es nicht.

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