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: Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her

Überhaupt machen ja unsere modernen Fremdwortfeinde, die Künder reinrassiger deutscher Sätze immer den Eindruck, daß es ihnen, außer an Toleranz und Neugier, vor allem an Belesenheit mangle - auch bei Thomas Mann, um mal wieder den vermeintlichen Schutzheiligen alter wie neuer Bürgerlichkeit zu zitieren, gehen sehr schöne deutsche Sätze sehr gerne „shopping“, und wenn sich Theodor Fontanes Prosa auf „die Rekognoszierungsfahrt“ macht, ist auch mal eine „alea iacta“. Bastian Sick gehört in diese Reihe, und zugleich steht er ganz woanders - er schreibt einfach so viele Kolumnen, daß man, wenn man sein Gesamtwerk durcharbeitet, zu fast jeder seiner Aussagen auch deren Gegenteil findet. „Die ablehnende Haltung der Bevölkerung ist auch auf das Totalversagen der Politik zurückzuführen.“ So ein Satz, gerichtet gegen die sogenannte neue Rechtschreibung, ist alles mögliche - aber bestimmt kein gutes Deutsch; und er wird nicht besser davon, daß sein Autor, ein paar Kapitel später, den Nominalstil der Politiker und Bürokraten aufs schärfste mißbilligt.

Und in Sicks kleiner Tabelle mit überflüssigen englischen Wörtern und deren deutschen Pendants macht der Autor so lustige Vorschläge wie den, statt der englischen „Lobby“ ein deutsches „Foyer“ zu besuchen. Oder statt „Lounge“ besser „Salon“ zu schreiben. Und wenn Sick vorschlägt, nicht „Daily Soap“ zu schreiben, sondern „Soap Opera“, statt eines englischen Begriffes also einen Anglizismus, dann weist das schon aufs Tautologische und Pleonastische, welches das deutlichste Merkmal der Sickschen Gedanken ist.

„Dem seine Probleme möcht ich nicht haben!“

Es sind Feiern der Irrelevanz, wenn Sick kolumnenlang Fragen beantwortet, die niemand gestellt hat; wenn er längst verblaßte Floskeln und in Vergessenheit geratene Manierismen noch einmal mit der vollen Strenge der Grammatik konfrontiert. Und wenn er tatsächlich ein paar Seiten lang die Frage diskutiert, ob es „im Mai diesen Jahres“ oder doch „dieses Jahres“ heißen müsse, dann möchte man, absolut umgangssprachlich, nur noch stöhnen: „Oh Mann, hey, echt, dem seine Probleme möcht ich auch nicht haben!“ Ja, genau: dem seine. Sicks sicherster Lacher basiert nämlich bloß auf einem dummen Mißverständnis. Mal abgesehen davon, daß jene „Main-Donau-Linie“, hinter welcher Sick das rätselhafte Süddeutschland vermutet, geographisch die reine Unmöglichkeit ist: Der Genitiv ist in den bairischen und alemannischen, den fränkischen und sächsischen Dialekten nicht etwa ausgestorben. Es hat ihn nie gegeben.

„Meines Vaters Haus“ klingt in fast jedem deutschen Dialekt seit jeher prätentiös, gestelzt, einfach falsch, was man nicht bedauern muß, solange die Schwaben und Sachsen auch weiterhin auf jenem Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache bestehen, welcher ja eigentlich eine der Kraftquellen des Deutschen ist. Selbst jene Leute, deren schweizerdeutsche Rede von norddeutschen Fernsehredakteuren gern mit Untertiteln versehen wird, nehmen manchmal die „Neue Zürcher Zeitung“ zur Hand und lesen deren Hochdeutsch ohne größere Probleme.

Denkfehler im Tonfall der Herablassung

Und weil Sick solche Denkfehler auch noch im Tonfall der Herablassung präsentiert, fällt einem beim Lesen irgendwann Wolf Schneider ein, der große Sprachkritiker der vergangenen Jahrzehnte - ein Mann, dessen Stil immer so sicher, so präzise und anschaulich war, daß man schon aus Schneiders Sätzen die Regeln für ein gutes Deutsch hätte ableiten können. Vor allem aber war Sprachkritik für Schneider immer auch die Kritik jener, welche die Meinungs- und Definitionsmacht haben. Sprachkritik, das kann man in Schneiders Büchern lernen, ist nichts als Nörgelei, solange sie nicht danach fragt, wer eigentlich welchen Sachverhalt zu welchem Zweck verschleiert mit seinen Floskeln und dem falschen Deutsch. Und Sprachkritik riecht immer ein bißchen unangenehm, wenn sie nicht beflügelt wird von einer Leidenschaft fürs bessere, schönere, kühnere Schreiben.

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