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Arne Ulbricht: Lehrer - Traumberuf oder Horrorjob? : Der Wutbürger hat das Klassenzimmer erreicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Vandenhoeck & Ruprecht

Befristete Verträge und häufige Schulwechsel führen zu prekären Verhältnissen: Arne Ulbricht stellt der Praxis des Lehrerberufs ein schlechtes Zeugnis aus.

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          Durch die Pisa-Studien ist ein Reformprozess angestoßen worden, von dem niemand so recht weiß, wohin er führen wird. Vor allem werden unter dem Stichwort „Kompetenzorientierung“ die Lehrpläne umgestellt: Hatten diese in der Vergangenheit vorgeschrieben, was inhaltlich zu behandeln sei, sollen sie jetzt von allen Inhalten befreit werden und nur noch „Kompetenzen“ enthalten, die Schüler zu erwerben haben. Um diese Reform wird heftig gestritten. Unlängst hat Richard David Precht eine „Revolution“ des Bildungssystems gefordert: die Abschaffung der Noten sowie des Sitzenbleibens, die Überwindung des „Paukens“, an dessen Stelle das jahrgangsübergreifende Arbeiten in Projekten treten solle. Gegen Precht wurde eingewendet, er habe altbekannte Ideen vorgebracht. Diese hätten jedoch mit den Problemen, die an den Schulen existierten, wenig zu tun.

          Auf den Lehrer kommt es an: Das ist die neueste Erkenntnis der empirischen Bildungsforschung, vorgetragen von dem australischen Erziehungswissenschaftler John Hattie, das zentrale Ergebnis seiner Synthese von achthundert Metaanalysen, in die sage und schreibe 52.637 Einzelstudien eingeflossen sind. Nicht die äußeren Rahmenbedingungen seien maßgeblich, vielmehr sei letztlich alles vom Lehrer und von seiner Fachkompetenz, seiner Art, den Unterricht zu strukturieren und mit seinen Schülern umzugehen, abhängig - vor allem auch von der „Feedback-Kultur“ in seinem Unterricht. Wenn dem so ist, sollten dann nicht Lehrer sich viel stärker an der Diskussion über die Zukunft der Schule beteiligen?

          Problem für Lehrer und Schüler

          Arne Ulbricht, der Autor des schmalen Bandes „Lehrer - Traumberuf oder Horrorjob?“, ist Lehrer. Er war acht Jahre an sechs verschiedenen staatlichen Schulen tätig. Er berichtet, wie er Lehrer wurde; er fragt, was für ein Schüler er war, welche Erfahrungen er mit seinen Lehrern gemacht und wie ihn das alles beeinflusst hat. Er erzählt von seinem Studium, dem Referendariat sowie den ersten Jahren seines Berufslebens, in denen er als Vertretungslehrer arbeitete. Klischees, die über den Beruf des Lehrers in der Öffentlichkeit kursieren, rückt er zurecht.

          Vor allem aber setzt er sich kritisch mit dem Beamtenstatus sowie dem Bildungsföderalismus in Deutschland auseinander. Und er führt dem Leser vor Augen, was es bedeutet, nicht verbeamtet zu sein: Lehrer erhalten nur befristete Verträge, müssen nach deren Ablauf häufig die Schule wechseln. Sie verdienen deutlich weniger als ihre verbeamteten Kollegen, obwohl sie die gleiche Arbeit leisten. Und sie warten lange - womöglich vergeblich - darauf, eine feste Stelle zu erhalten, um an einer Schule bleiben zu können. Diese „prekären Verhältnisse“ sind nicht nur für den jeweils betroffenen Lehrer, sondern auch für seine Schüler ein enormes Problem: Eine Kontinuität in der pädagogischen Arbeit kann so kaum entstehen.

          Das Bildungssystem an Krücken

          Nicht selten klingt die mit Recht geäußerte Kritik allerdings selbstgerecht. Der Geist der Empörung scheint auch in der Debatte über die Zukunft der Schule angekommen zu sein. Diesen kennzeichnet, dass der eigene Standpunkt verabsolutiert und der Versuch erst gar nicht unternommen wird, denjenigen des anderen zu verstehen. So denkt Ulbricht nicht darüber nach, ob ein Studium, auch wenn es rein fachlich ausgerichtet ist und kaum didaktische Anteile enthält, nicht auch ein Stück weit auf den Lehrerberuf vorbereitet - es ist für ihn einfach nur „Verarschung“. Seminarleiter nennt er „hemmungslose Lügner“, die ohne besondere Qualifikation enorme Macht besitzen, die sie zum Leidwesen der Referendare willkürlich ausnutzen. Und dass das Personal in den Schulbehörden von der Realität an den Schulen keine Ahnung hat, ist für den Autor ausgemacht.

          Es liegt nahe, Ulbrichts Empörung auf jene Kränkungen zurückzuführen, die er erlitten hat. Dass er für diese zum Teil auch selbst verantwortlich ist - für seine Noten im ersten und zweiten Staatsexamen sowie die Nachteile, welche sich aus ihnen ergaben -, fügt er zwar am Rande kurz an, doch ändert dies nichts grundsätzlich an seiner Haltung. Während wir vom Wutbürger nicht erwarten, dass er den Standpunkt des Gegenübers in seine Überlegungen miteinbezieht, ist das bei einem Lehrer anders: Dessen Gegenüber sind vor allem die Schüler. Diese kommen aber in Ulbrichts Ausführungen nur am Rande vor: zum einen als Personen, mit denen er „klarkommt“ (oder auch nicht) und mit denen er in seiner Freizeit gelegentlich Fußball spielt - zum anderen als gebannte Zuhörer.

          Denn Ulbricht kann so gut vorlesen, dass für die Schüler selbst der Vortrag eines spröden Textes aus dem Biologiebuch zu einem ästhetischen Genuss werden kann. Damit sind zwei wichtige Aspekte angesprochen: der pädagogische Bezug als notwendige Voraussetzung jeder erfolgreichen pädagogischen Praxis und die Begeisterung des Lehrers für die Sache und der Zugang zu einer ästhetischen Erfahrung für die Schüler.

          Von einer Reflexion dessen, was im Unterricht geschieht, kann bei Ulbricht nicht die Rede sein. Es hat den Anschein, als seien die Reformen des Bildungssystems auch daraufhin angelegt, dass niemand sich mehr beschweren kann: Es wird nur noch dasjenige versprochen, was auch eingelöst werden kann beziehungsweise dessen Einlösung sich per Evaluation überprüfen lässt. So wird es bald keinen Grund mehr geben, sich zu empören. Freiheit der Wissenschaft sowie Autonomie der Lehrer werden dabei auf der Strecke bleiben.

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