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: Der Wille zur Sprachmacht

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War Canetti ein großer Mann? Körperlich jedenfalls nicht, und sicher spielte dieser Umstand in seinem Leben eine gewisse Rolle. Nicht selten wuchert bei kleinen Männern aus der lebenslangen stillen Kränkung eine überkompensierende Ich-Gier, die mit Eitelkeit nur dürftig bezeichnet wäre. Warum auch ...

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          War Canetti ein großer Mann? Körperlich jedenfalls nicht, und sicher spielte dieser Umstand in seinem Leben eine gewisse Rolle. Nicht selten wuchert bei kleinen Männern aus der lebenslangen stillen Kränkung eine überkompensierende Ich-Gier, die mit Eitelkeit nur dürftig bezeichnet wäre. Warum auch immer, Elias Canetti war, wie jüngere Veröffentlichungen nahelegen, unter den Egomanen das Monstrum, der Blinde unter den Einäugigen, aus denen die Schriftstellerwelt besteht. Blind, aber zugleich von überscharfem Sensorium, ohne das er nicht der große Autor geworden wäre, der den Leser auch zehn Jahre nach seinem Tod noch auf jeder Seite herausfordert.

          Jüngster Beweis ist das Kompendium "Über die Dichter" aus dem Hanser Verlag, das Notate, Reden und Essays versammelt, in dem Canetti sich seinen Göttern und Dämonen widmet. Sie sind, immer noch, voller Einsichten und markanter Aperçus, von unbedingt originellem Zugriff, nichts darin ist nachgeplappert oder flau. Auch beim Wiederlesen erscheint etwa die Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises als ein Höhepunkt in der Geschichte der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung - und sei es nur wegen der typisch canettischen Randbemerkung, daß die Brüder Georg Büchners das Alter von 76, 75 und 77 erreichten.

          Auch die Charakterisierung des verhuschten Klaus Mann, die Liebeserklärung für Robert Walser oder die verehrende Abrechnung mit Karl Kraus bleiben bis heute gültig. Bemerkenswert vor allem die stilistische Beobachtung, die der frühere Jünger an seinem Meister macht, dessen Bau-Gelüste sich im einzelnen Satz erschöpften, von denen er beliebig viele aneinanderreihen könne: Keine Lücke, keine Ritze, kein falsches Komma in diesen Sätzen, die sich zu einer Chinesischen Mauer zusammenfügten; "aber was sie eigentlich umschließt, weiß niemand". Sehr klug auch, was Canetti über Schopenhauer sagt, der den Tod nur zum Schein annehme, aus List gegen ihn. Daß er ihm in seinem Innern tief abgeneigt bleibe, verrate sich indessen in seiner Art zu schreiben. Klug, aber beim zweiten Lesen auch wieder fragwürdig: wer wäre innerlich dem Tode nicht eine Spur abgeneigt? Und wie sollte sich das im Stil niederschlagen?

          Es ist die merkwürdige Erfahrung, die man beim Wiederlesen Canettis macht: Sein Ton ist bezwingend und diktatorisch, er läßt keine Widerrede zu, und seiner Eindringlichkeit kann man sich schwer entziehen. Dieser Kerl hat dem Tod persönlich den Handschuh vor den Knochenfuß geworfen, wer wollte sich da mit ihm anlegen? Ein Ergebnis dieses herrischen Tones ist es aber, daß man sich bei der Vernachlässigung einer kleinen Frage ertappt: ob das, was er proklamiert, eigentlich stimmt. "Seit sie weniger wissen müssen, sind die Dichter böse geworden." Das klänge, offen gesprochen, nicht viel unplausibler als der Originalsatz, in dem das Gegenteil behauptet wird: "Seit sie mehr wissen müssen, sind die Dichter böse geworden." Ob sie wirklich heute mehr wissen müssen, ist überdies die Frage, von der Bosheitsfrage ganz abgesehen.

          Ein anderes Beispiel: Stimmt es, was Canetti anläßlich Walsers versichert, daß sich in schöner Handschrift gewisse Dinge nicht schreiben ließen? "Die Wirklichkeit paßt sich der Schönheit der Schrift an" - ist das Feinsinn oder Humbug? "Die Ahnungen der Dichter sind die vergessenen Abenteuer Gottes." Das ist schöner, blühender Nonsens, wenn man ehrlich ist. Gegenprobe: "Die Abenteuer der Dichter sind die vergessenenen Ahnungen Gottes", klingt das nicht auch tief und poetisch, und ist es sehr viel sinnloser als Canettis Rätselwort?

          So ringt man mit dem Autor, der bei aller Nietzsche-Verachtung seinen Willen zur Macht nicht verleugnen kann. Das Nachwort Peter von Matts, das eigentliche Pfund dieser schönen Sammlung und stilistisch so glanzvoll, daß es seinem Gegenstand nicht nachsteht, wird diesem Zug Canettis auf charmante Art gerecht. Von Matt sieht Canetti als einen Leser, der Eruptionen von Entzücken und Abscheu ausgesetzt ist und bei dem die Vielfalt der Formen aus der Sprachnot der Leidenschaft erwächst. Von Matt denkt sich einen Wasserbüffel, der sich aus dem Schilf erhebt, "triefend, mit schweren Hörnern", zoologisch längst bestimmt, "ich schlage nach und die Sache ist erledigt. Außer der Büffel setzt sich in Bewegung und kommt auf mich zu. Jetzt verfliegt die Frage nach der Spezies, jetzt wird er einmalig, jetzt ist er etwas, wofür es keinen Namen gibt. Es geht auf Tod und Leben. Das will nur noch bestanden sein."

          Für Elias Canetti waren die Dichter solche Wasserbüffel. Die Emphase, deren mitunter komischer Beiklang von Matt nicht entgeht, verdankt sich der Wucht, mit der sie auf ihn zukommen. Und etwas von dieser Wucht gibt Canetti weiter an die Leser, die gelegentlich mit ihm hadern können, ohne an der Größe des kleinen Mannes irre zu werden.

          Elias Canetti: "Über die Dichter". Mit einem Nachwort von Peter von Matt. Hanser Verlag, München 2004. 136 S., geb., 14,90 [Euro].

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