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Buch „Der verkaufte Feminismus“ : Diskriminierung zählt nur im Plural

Der feministische Kampf geht weiter – wie hier auf einer Demonstration zum diesjährigen Internationalen Frauentag in Stuttgart. Bild: dpa

Wenn einem sonst nichts einfällt, bleibt am Ende immer der Kapitalismus schuld: Die Journalistin Beate Hausbichler möchte ergründen, warum der Feminismus nicht mehr hält, was er verspricht.

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          Manchmal beschleicht einen das Gefühl, es gebe keinen Fortschritt in der Welt. Über siebzig Jahre ist es her, dass Simone de Beauvoir in ihrem Klassiker „Das andere Geschlecht“ die patriarchalische Gesellschaft so beschrieb: „Die Vorstellung von der Welt ist, wie die Welt selbst, das Produkt der Männer: Sie beschreiben sie von ihrem Standpunkt aus, den sie mit dem der absoluten Wahrheit gleichsetzen.“ Wenn man die feministischen Texte neueren Zuschnitts liest, könnte man meinen, (fast) nichts habe sich geändert. Es sind immer noch die Männer, welche die Welt und ihre Beschreibung prägen. Es gibt immer noch Unternehmen, die bis heute keine einzige Frau in der obersten Führungsetage beschäftigen. Der Gender-Pay-Gap ist nicht überwunden, an den Frauen bleibt die meiste Familienarbeit hängen, und sexuelle Belästigung bleibt ein großes Thema. Was an Rechten erkämpft wurde (eigentlich nicht gerade wenig), ist nicht überall gelebte Wirklichkeit; es bleibt ein langer Weg, bis die Vorurteile gegen Frauen aus den Köpfen verschwunden sind.

          Hannah Bethke
          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Und so nehmen auch die Bücher kein Ende, welche die Ungleichheit der Geschlechter analysieren, beklagen und (meistens) überwinden wollen. Dieses Ziel hat auch die Wiener Journalistin Beate Hausbichler, Jahrgang 1978, die für den Standard arbeitet und dort das frauenpolitische Ressort „dieStandard“ leitet. „Der verkaufte Feminismus“ heißt ihr neues Buch, das Kapitalismuskritik mit einer Analyse des „wahren“ Feminismus verknüpft (der selbstredend niemals im falschen Bewusstsein gedeihen kann).

          Das klingt nach altem Wein in neuen Schläuchen – und so liest es sich in vielen Passagen auch. Dass der Konsumkapitalismus Gefühle zu Waren mache, wie Hausbichler beklagt, unser Verständnis von Liebesbeziehungen präge und die Benachteiligung der Frauen verstärke, hat schon die israelische Soziologien Eva Illouz in zahlreichen Büchern erschöpfend analysiert. Erstaunlicherweise hat das ewig gleiche Feindbild noch immer nicht ausgedient: der Kapitalismus. Er ist die Wurzel allen Übels, er soll schuld sein. Und zwar an allem: an unserer Entfremdung, an fehlender Teilhabe, an Diskriminierung und Unterdrückung. Er manipuliert einfach alles, auch den Feminismus.

          Das neue „Feminist-Washing“

          Hausbichler kritisiert, wie angesagt es heute sei, sich als Feministin zu inszenieren; in den sozialen Medien, in der Werbung, in Serien und Frauenmagazinen. Frauen sollen mit der „neuen ,Sexyness‘ des Feminismus“ erfolgreich sein, selbstbewusst und unabhängig. Sie sollen gemäß „Body Positivity“ ihren Körper lieben, wie er ist, und zwar mit Produkten jener Unternehmen, „die uns jahrzehntelang völlig jenseitige Idealvorstellungen von Frauenkörpern eingehämmert haben“.

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