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: Der Verdacht

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Eine Zeitlang war das Bild ganz klar gewesen. So strahlend blau wie der Himmel über New York, so scharfkantig wie die Flugzeugtrümmer vorm Pentagon, so schwarz und weiß wie die Fotos der Attentäter. Doch auf einmal waren da Unschärfen und Fehlfarben. Grautöne, hinter denen sich leicht etwas verbergen konnte.

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          Eine Zeitlang war das Bild ganz klar gewesen. So strahlend blau wie der Himmel über New York, so scharfkantig wie die Flugzeugtrümmer vorm Pentagon, so schwarz und weiß wie die Fotos der Attentäter. Doch auf einmal waren da Unschärfen und Fehlfarben. Grautöne, hinter denen sich leicht etwas verbergen konnte. Gerüchte, die mit dem Ungeheuerlichen flirteten. Behauptungen, die sich zur Paranoia hin öffneten.

          Das tapfere Fernsehmagazin "Panorama" hat sie inzwischen überall entdeckt. Beim Neo-Nazi Horst Mahler wie bei Passanten, die an der Hamburger Innenalster stehen und bereitwillig in ein Mikrophon sagen, sie könnten sich sehr gut vorstellen, daß die CIA bei den Anschlägen vom 11. September ihre Finger im Spiel hatte. Bei Autoren, die in renommierten Verlagen publizieren, wie Gerhard Wisnewski oder Andreas von Bülow; bei Kunden, die an einem heißen Augusttag im Zweitausendeins-Laden an der Berliner Kantstraße das Buch von Mathias Bröckers vom Stapel nehmen, welches "Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11. 9." heißt und eine Art Sequel zu "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. 9." ist. Rund 150 000 Exemplare wurden von dem ersten Buch verkauft, und das neue Buch ist, wie eine Verkäuferin in Hamburg sagt, "unser derzeit meistverkauftes Buch".

          Zweifel und Skepsis

          Ob die Käufer glauben, was sie lesen, weiß man nicht. Daß neunzehn Prozent der deutschen Bevölkerung es für möglich halten, daß die amerikanische Regierung die Terroranschläge selbst in Auftrag gegeben hat, steht in einer Forsa-Umfrage vom Juli, welche die "Zeit" in Auftrag gegeben hatte. Daß der Untersuchungsausschuß des amerikanischen Kongresses am 25. Juli den Geheimdiensten "versäumte Gelegenheiten", "Fehleinschätzungen" und "Versagen" attestierte, daß er sich über mangelnde Kooperation des Weißen Hauses beklagte, ist amtlich. Und wenn man nicht ein Fünftel der Bundesbürger für ausgewachsene Paranoiker hält, dann müssen sich Zweifel und Skepsis auch an dem sozialen Ort finden lassen, den man die "Mitte der Gesellschaft" nennt.

          Bei David A. zum Beispiel, der in Berlin als Orchestermusiker arbeitet; er weiß, was Disziplin ist und was es heißt, einen bestimmten Ton zu treffen. D. ist dreißig, er kommt durch seinen Beruf in der Welt herum, und er hat sich seit dem Film "23" für Verschwörungstheorien zu interessieren begonnen. Er hat Bröckers' erstes Buch "verschlungen", doch wenn er von seiner Lektüre erzählte, hätten seine Freundin oder seine Schwester ihn komisch angesehen. Glaubt er, was drinsteht? "Ob ich's glaube, weiß ich nicht, aber ich übernehme gerne den Gegenpart, wenn jemand die offizielle Version verteidigt." Und wenn es wahr wäre? "Wenn es so wäre, könnte ich mir nicht vorstellen, daß nicht irgendwer mal auspackt. Aber vielleicht wird es niemals rauskommen."

          David A., der zwischendurch selber lächeln muß, wenn er lebhaft von Entdeckungen und Ungereimtheiten erzählt, hält allerdings mehr von Michael Moore und seinen "Stupid White Men". "Das hat mehr Humor und liest sich besser." Damit ist er in bester Amazon.com-Gesellschaft, denn "Leser, die dieses Buch gelesen haben", kaufen auch die Bücher von Bülows oder Wisnewskis.

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