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: Der Tomograph als Glücksbringer Ebbe Sand ist nun ein reicherer Mensch

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Ein paar Tage nachdem Dänemark bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 im Viertelfinale ehrenvoll gegen Brasilien ausgeschieden ist, geht Ebbe Sand im Kopenhagener Stadtteil Lyngby in eine Apotheke, um sich Kopfschmerztabletten zu kaufen. Daß er eigentlich an einer anderen Stelle des Körpers Schmerzen ...

          Ein paar Tage nachdem Dänemark bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 im Viertelfinale ehrenvoll gegen Brasilien ausgeschieden ist, geht Ebbe Sand im Kopenhagener Stadtteil Lyngby in eine Apotheke, um sich Kopfschmerztabletten zu kaufen. Daß er eigentlich an einer anderen Stelle des Körpers Schmerzen hat, daß es vor dem Training weh tut, die Radlerhosen unter die Sporthose zu ziehen, das weiß Sand genau. Aber er versucht, nicht daran zu denken. Verdrängen, bis es nicht mehr geht. Als Sands Blick in der Apotheke auf einen Ständer mit Faltblättern fällt, ist das erste, was er liest: Hodenkrebs. In großen Buchstaben. "Von allen Faltblättern war es genau das, das ich ansah. Das war ein Zeichen." Wenig später geht Sand ins Krankenhaus. Aus der bangen Vermutung wird Gewißheit. Dänemarks aussichtsreichster Fußballprofi, der gerade im Achtelfinale gegen Nigeria eines der schönsten Tore der WM geschossen hat, leidet an Hodenkrebs. Nach Wochen der Unsicherheit empfindet Sand die Diagnose fast wie eine Erlösung: "Es war ein merkwürdiges Gefühl. Es war schrecklich, diese Diagnose gestellt zu bekommen, und ich fürchtete das Schlimmste, aber es war auch gut, Klarheit zu haben."

          Eine Operation und viele Tränen zusammen mit seiner Frau Trine folgen. Danach Wochen voller Unsicherheit. Zehn Tage wartet Sand, damals bekanntester Profi des dänischen Meisters Bröndby IF, auf einen Termin für die Computertomographie (CT) nach der Operation, danach noch drei Tage auf das Ergebnis. Sand kritisiert das dänische Gesundheitssystem. "Die Zeit des Wartens war schrecklich. Hätte ich damals schon in Deutschland gespielt, wäre ich Freitag operiert worden, und am Samstag wäre die CT gewesen. Nach zehn Minuten hätte ich das Ergebnis gehabt." Das Resultat entschädigt Sand dann einigermaßen für die bangen Tage des Wartens. "Sie sind gesund", sagt der Arzt. Sand bricht unter Tränen der Erleichterung zusammen. Eine Chemotherapie benötigt er nicht.

          Das Buch "Der Mensch hinter den Toren", das der schwedische Journalist Bo Östlund geschrieben hat, zeigt Sand in all seiner Furcht und Schwäche im Angesicht der Krankheit und kommt dabei völlig ohne Selbstmitleid aus. Der Satz "Sie sind gesund" ist für viele Krebspatienten meist nur eine Momentaufnahme zwischen zwei Kontrolluntersuchungen. So sieht es auch Sand, der inzwischen Vater geworden ist und als Profi des FC Schalke 04 zu den bestbezahlten Sportlern Dänemarks gehört: "Das Problem ist, daß ich immer dann, wenn ich fast vergessen habe, wie schwer krank ich war, plötzlich ein aufkommendes Wehwehchen mit Krebs verbinde. Gerade an den Tagen vor meinen Kontrolluntersuchungen bekomme ich immer fürchterliche Angst, wieder Krebs zu bekommen."

          Bis zum Sommer 2003 muß sich Sand noch alle drei Monate untersuchen lassen. Der Supermann des dänischen Fußballs hat nach der Erkrankung die Verletzlichkeit und die Endlichkeit des eigenen Lebens erfahren. "Aus dem dunklen Tunnel der Krankheit ist ein reicherer, komplexerer Mensch herausgekommen, der gelernt hat, daß man nicht immer selbst die Kontrolle über das eigene Leben hat", schreibt sein Biograph Östlund.

          Am 26. Juli 2002 stirbt Sands Großmutter an Darmkrebs. Sand fliegt nach Dänemark. Während der Beerdigung bricht er weinend in der Kirche zusammen. Der Krebs hat tiefe Spuren in seinem Leben hinterlassen.

          FRANK HEIKE

          Besprochenes Buch: Bo Östlund: Ebbe Sand - mennesket bag maalene. Brönden Verlag, Kopenhagen 2002, 272 Seiten, 248 Kronen.

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