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: Der Star als Kasperle: Emmanuelle Béart posiert in Havanna

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"Dies ist mein Körper. Er hat nichts zu verbergen. Sie können Ihren Blick abwenden, wenn Sie möchten." Und das möchte man. Aber nicht, weil man fürchtet, "die Reinheit dieses Augenblicks" zunichtezumachen, wie die Besitzerin des Körpers in ihrem Vorwort mutmaßt. Sondern weil man Emmanuelle Béart ...

          "Dies ist mein Körper. Er hat nichts zu verbergen. Sie können Ihren Blick abwenden, wenn Sie möchten." Und das möchte man. Aber nicht, weil man fürchtet, "die Reinheit dieses Augenblicks" zunichtezumachen, wie die Besitzerin des Körpers in ihrem Vorwort mutmaßt. Sondern weil man Emmanuelle Béart so in Erinnerung behalten will, wie man sie im Kino gesehen hat: in Jacques Rivettes "Schöner Querulantin" und in seiner "Geschichte von Marie und Julien", in Claude Sautets "Nelly und Monsieur Arnaud", in Claude Chabrols "Die Hölle", in Anne Fontaines "Nathalie". Auch für Rivette, Sautet, Chabrol, Fontaine und andere hat sich die Schauspielerin Béart entblößt, innerlich und äußerlich. Sie hat Malermodelle gespielt, Musikerinnen, Spioninnen, Sekretärinnen, Prostituierte und Untote, die ganze Skala von Frauengestalten auf der Leinwand. Aber sie hat dabei immer vor der Grenze haltgemacht, die das Rollenspiel im Kino von den Maskeraden und Entblößungen des wirklichen Lebens trennt.

          Mit den Bildern des Fotobands "Cuba Libre" hat Emmanuelle Béart diese Grenze überschritten. Sie ist mit der Fotografin Sylvie Lancrenon (die in den achtziger Jahren als Szenenfotografin bei Jacques Doillon und Josiane Balasko angefangen und unter anderen die Bollywood-Diva Aishwarya Rai und Béarts Kollegin Isabelle Adjani aufgenommen hat) in ein Haus in Havanna gegangen und hat sich dort für die Kamera ausgezogen. Dabei liegt das Problem nicht darin, dass Emmanuelle Béart auf Lancrenons Aufnahmen nackt ist; sie war es ja auch schon bei Rivette, Chabrol, Fontaine. Das Problem liegt darin, dass Béart bei Sylvie Lancrenon zum Objekt einer Inszenierung wird, die sie nicht mehr schauspielerisch beherrschen, auf deren Zumutungen sie nicht mit Gestik und Mimik, mit künstlerischen Ausdrucksmitteln also, reagieren kann.

          Stattdessen posiert sie. Sie kauert vor dem Bett, das Lancrenon für sie mit rotem Samt überzogen hat, reckt sich vor einem Zimmerspiegel, den die Fotografin mit einer Kasperlepuppe dekoriert hat, schmiegt sich an eine Kommode, auf der ein Ventilator läuft, stellt sich vor ein Jesusbild hoch oben an der Wand, raucht, sitzt, liegt, trägt Korkschuhe mit Plateausohlen, steckt ihre Haare hoch, zieht einen Schmollmund. Fünfzig Fotos zeigt der Band, ab Bild sechsundvierzig ist Béart wieder halbwegs bekleidet. Man sieht es mit Erleichterung.

          Nach dem Bordellnippes und dem abgeblätterten Putz an den Wänden zu schließen, hat Sylvie Lancrenon bei der Sitzung in Havanna vor allem an Bettina Rheims und deren Arrangements junger Frauenkörper in der Fotoserie "Chambre Close" gedacht. Nur hat sie dabei offenbar vergessen, dass ihr Modell nicht irgendein Model ist, sondern eine Ikone des Kinos. Und Emmanuelle Béart hat vergessen, was jedes Filmsternchen am ersten Drehtag erfährt: dass es nicht "ihr" Körper ist, den die Bilder zeigen, sondern sein Abbild im Auge des Betrachters. So macht sich der Star in "Cuba Libre" zum Kasperle. "In Sylvies Beisein lasse ich mich gehen, gelange ich von der Sanftmut zur Gewalt." Vielleicht ist es so gewesen. Auf den Fotos aber sieht man weder das eine noch das andere. Man sieht eine Schauspielerin, die sich mit aller Kraft bemüht, natürlich und entspannt zu erscheinen, und dabei immer verkrampfter und unpersönlicher wirkt. Dass sie nichts zu verbergen hat, ist dabei das Schlimmste, was man über Emmanuelle Béart sagen kann. Aber sie sagt es ja selbst. kil

          Emmanuelle Béart/Sylvie Lancrenon: "Cuba Libre". Schirmer/Mosel Verlag, München 2008, 88 S., 49,80 [Euro]

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