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: Der Speer, der die Wunde schlug

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Wer einen Band mit Aufsätzen über "Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie" veröffentlicht, weiß, dass allein schon dieser Titel skeptische Einwände provoziert. Ist es wirklich sinnvoll, so unterschiedliche Autoren wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Herbert Marcuse, Alexander Mitscherlich ...

          Wer einen Band mit Aufsätzen über "Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie" veröffentlicht, weiß, dass allein schon dieser Titel skeptische Einwände provoziert. Ist es wirklich sinnvoll, so unterschiedliche Autoren wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Herbert Marcuse, Alexander Mitscherlich und Jürgen Habermas unter demselben Logon - Frankfurter Schule - unterzubringen, oder hat nicht die ausufernde Sekundärliteratur längst nahegelegt, dass all diese Autoren wenig mehr eint als der Hang des Universitäts- und des Medienbetriebs, Kindern denselben Familiennamen zu verpassen, selbst wenn sie von verschiedenen Eltern stammen?

          Und außerdem: Geschichte der Kritischen Theorie mag ja als Thema angehen, aber Gegenwart, gar Aktualität? Zweifellos, noch immer wird ein Vortrag bei einem kulturwissenschaftlichen Kolloquium gern mit einem Adorno-Bonmot garniert, und Habermas-Zitate schmücken sogar Politikerreden. Doch was als Ornament gefällt, erweckt Misstrauen als Fundament von Theoriegebäuden.

          Axel Honneth, geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialforschung und wichtigster Repräsentant der jüngeren Generation der Frankfurter Schule (wenn man denn auf dieses Label nicht verzichten mag), gesteht schon in der Vorbemerkung seiner Aufsatzsammlung, dass einzelne der Ansätze der Kritischen Theorie veraltet seien ("Pathologien der Vernunft". Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 239 S., br., 10,- [Euro]). Auch ihre "faktische Disparatheit" ist dem Autor wohl bewusst. Dennoch glaubt er bei allen Autoren eine gemeinsame Konzeption der Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft erkennen zu können. Geschichte werde im Geiste des Linkshegelianismus als Prozess der Selbstentfaltung der Vernunft begriffen, die zugleich durch die Mechanismen der Tauschrationalität entstellt werde.

          "Statt sich anerkennend aufeinander zu beziehen, nehmen die Subjekte sich als Objekte wahr, die es nach Maßgabe eigener Interessen zu erkennen gilt." Die Beherrschung der äußeren Natur schlägt um in die Unterdrückung der inneren. Gemeinsam, so Honneth, sei allen Autoren der Frankfurter Schule aber nicht nur die Diagnose, sondern zugleich die Therapie. Nur der Speer heilt die Wunde, der sie schlug: Die Kräfte der Überwindung der sozialen Pathologie stammen aus ebenjener Vernunft, deren Verwirklichung durch den Kapitalismus verhindert wird.

          Sofern nicht, wie etwa in der Tradition des angelsächsischen Kommunitarismus, darauf vertraut wird, in jeder Gesellschaft und jeder Kultur ein Minimum an moralischen Normen vorzufinden, das die Basis ethischer Diskussionen ist, bleibt als Bezugspunkt der Kritik offenbar nur die Idee eines Fortschritts der menschlichen Rationalität, deren Fragwürdigkeit Honneth festgestellt hat. "Unterhalb" eines "derartig anspruchsvollen Theorieprogramms" scheint es ihm "kaum möglich, von einer spezifischen Identität der Kritischen Theorie zu reden".

          Das Dilemma seiner Argumentation wird deutlich: Wenn, wie beabsichtigt, die Einheit der Frankfurter Schule gerettet werden soll, scheint dies nur möglich durch den Bezug auf die höchst problematischen geschichtsphilosophischen Prämissen der "einen" Vernunft, die nicht nur von (poststrukturalistischen) Gegnern der Frankfurter Schule in Frage gestellt wird, sondern auch in Habermas' Diskursethik aufgegeben wurde.

          Wie aber könnte und müsste eine metaphysisch abgemagerte Form von Sozialkritik beschaffen sein? Honneth belässt es bei Andeutungen. Wie Michael Walzer in "Kritik und Gemeinsinn" unterscheidet er zwischen zwei Modellen der Gesellschaftskritik: "Erfindung" und "Interpretation". In Honneths Terminologie: "Konstruktion" und "Rekonstruktion". (Die dritte Konzeption - Kritik als "Offenbarung" - wird von ihm nicht diskutiert.) Konstruktiv nennt er Ansätze, die von einem allgemeingültigen Verfahren ausgehen, dessen reale oder fiktive Durchführung zu gerechtfertigten Normen führen soll, zum Beispiel John Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit". Rekonstruktiv sind hingegen Formen der Kritik, die eine Gesellschaft nur an Werten messen, die in ihr selbst propagiert werden.

          Wieder und noch radikaler stellt sich die Frage, weshalb Ideale, auch wenn sie tatsächlich aus den Werten der kritisierten Gesellschaft entwickelt worden sind, überhaupt verteidigenswert sein sollen. Honneths Formel, sie seien begründet, wenn in einem "genealogischen Projekt" gezeigt worden sei, dass sie ihren ursprünglichen, emanzipatorischen Deutungsgehalt nicht vollends verloren hätten, ist zu unscharf, als dass sie die Richtung der Kritik bestimmen könnte.

          Ebenso vage bleibt die Bemerkung, der Gesellschaftskritiker müsse im Gegensatz zum "normalisierten Intellektuellen" die begrifflichen Voraussetzungen klären, die hinter unserem Rücken bestimmen, was öffentlich als sagbar oder unsagbar gilt. Trotz des Bekenntnisses zu philosophischer Nüchternheit werden immer noch - vor allem in programmatischen Arbeiten - die Tugenden des nonkonformistischen Außenseiters beschworen, durch dessen "Kunst der Übertreibung" sich die ganze, die tiefere Wahrheit offenbart.

          GERD SCHRADER

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