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: Der Souverän hat gesprochen

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Nach der Hinrichtung Karls I. im Jahre 1649 entspann sich ein regelrechter Propagandakrieg zwischen den Anhängern des gestürzten Monarchen und den puritanischen Revolutionären. Die Monarchisten deuteten das Schicksal des Königs als eine imitatio Christi. Noch in seinem Sterben erwies sich danach der Monarch als der einzig legitime Repräsentant seines Volkes.

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          Nach der Hinrichtung Karls I. im Jahre 1649 entspann sich ein regelrechter Propagandakrieg zwischen den Anhängern des gestürzten Monarchen und den puritanischen Revolutionären. Die Monarchisten deuteten das Schicksal des Königs als eine imitatio Christi. Noch in seinem Sterben erwies sich danach der Monarch als der einzig legitime Repräsentant seines Volkes. Die Souveränität der Nation finde ihre Vergegenwärtigung in der natürlichen Person des Königs. Sein Tod werde "sonder Zweiffel eine absolute Destruction über dieses Volck bringen".

          Die Puritaner setzten demgegenüber auf die Strategie der Profanierung. Weltliche Herrschaft dürfe nicht mit theologischer Repräsentation vermengt werden. Nicht die Partei der Revolutionäre, sondern die Fraktion des Königs mache sich einer Entweihung der Passion Christi schuldig. Dieser Strategie sollte Erfolg beschieden sein. In den rund vierzig Jahren zwischen Karls Enthauptung und der Glorious Revolution verschwand die Lehre vom sakralen Körper des Königs aus der Mitte des politischen Denkens. An seine Stelle trat bei Locke eine freiheitsfunktionale Begründung der Staatsgewalt, der eine treuhänderische Bindung der Regierung gegenüber dem Staatsvolk entsprach.

          Der Wandel der staatsphilosophischen Rahmenbedingungen zog tiefgreifende Veränderungen in der Technik der Herrschaftsausübung nach sich. Die zeremonielle Inszenierung der monarchischen Herrlichkeit trat zusehends zurück hinter dem Aufbau eines möglichst leistungsfähigen Verwaltungsapparates, dessen Aufgabe in der systematischen Prävention von Gefährdungen der staatlichen Herrschaft bestand. Foucault nennt eine Regierungstechnik dieses Typs "gouvernemental". In ihr wird der Fürst, auch wo er noch nominell das absolute Regiment für sich beansprucht, zu einem bloßen Rädchen innerhalb einer administrativen Maschinerie herabgesetzt, die den souveränen Zugriff auf das Leben durch dessen umfassende Erfassung und Regulierung weitgehend überflüssig machen soll. Umgekehrt verwandelt sich der vormalige Untertanenverband zu der statistisch erfaßbaren Entität der "Bevölkerung".

          Wo gehobelt wird, da fallen allerdings auch Späne. Wie wurden in den herrschenden Diskursen der letzten Jahrhunderte jene wahrgenommen, die der Herstellung der angestrebten guten Ordnung der Gesellschaft im Weg standen? Diese Frage untersucht Burkhardt Wolf in seiner äußerst material- und gedankenreichen Studie über die Diskursgeschichte des Opfers.

          Wie Wolf zeigt, entwickelte sich zum einen eine "rechtlich geregelte und versicherungstechnisch regulierte Kontingenzkontrolle". Schon Leibniz hatte empfohlen, der Staat solle zu einer öffentlichen Assekuranz werden, damit die unvermeidlichen Fährnisse des Lebens der guten und schönen Ordnung des Gemeinwesens keinen Abbruch täten. Das preußische Allgemeine Landrecht griff diesen Vorschlag auf. Wer seine "besonderen Rechte und Vortheile dem Wohle des gemeinen Wesens aufzuopfern genoethigt wird", kann seither dafür Entschädigung verlangen.

          Daneben entwickelte sich jedoch auch eine zweite, zunehmend einflußreicher werdende Strategie des Umgangs mit störenden Individuen. Sie bestand in deren Exklusion. Wolf erblickt die Urszene dieses Verfahrens in dem zweiten großen Königsmord der Neuzeit, der Guillotinierung Ludwigs XVI. Während die englischen Puritaner noch unter dem Ruf antraten: "We fight the king to defend the King", war Ludwig XVI. in den Augen der französischen Revolutionäre als König per se "Usurpator, Verbrecher und Monster". Die Folgen waren schwerwiegend. "Nicht nur, daß derlei ,Monster' oder ,gefährliche Individuen' keinerlei Bürgerrechte und damit auch keinen gesellschaftlichen Schutz genießen können. Tragen sie, wie man vernünftig deduzieren kann, die Schuld an der Verderbnis der natürlichen Sitten, müssen sie schleunigst dem Nationalkörper amputiert werden."

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