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: Der Sommer des Patriarchen

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Große Bücher bleiben aus mancherlei Gründen bei ihren Lesern unvergessen - hauptsächlich wohl, aber nicht nur wegen ihrer literarischen Qualität. "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez ist ein solches großes Buch: dank der Einfachheit und Präzision einer eigenen Literatursprache, des ...

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          Große Bücher bleiben aus mancherlei Gründen bei ihren Lesern unvergessen - hauptsächlich wohl, aber nicht nur wegen ihrer literarischen Qualität. "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez ist ein solches großes Buch: dank der Einfachheit und Präzision einer eigenen Literatursprache, des Nebeneinanders realer und phantastischer Geschehnisse, sicher auch dank der Einbeziehung von Legenden, Mythen, Vorzeichen und Aberglauben in einen neuen Wirklichkeitsbegriff, aus dem sich grundlegende Erkenntnisse über die politische und soziale Lage des lateinamerikanischen Halbkontinents ergeben.

          Doch "Hundert Jahre Einsamkeit", ein Roman, der nach Meinung mancher Schriftsteller und Kritiker die zeitgenössische auf spanisch geschriebene Literatur, wie einst der "Don Quijote", in ein Davor und ein Danach aufteilt, verdankt seine schlagartige Wirkung auch dem Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, der politischen und literarischen Situation in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Es waren Jahre, in denen tiefgreifende Veränderungen, ein Umsturz in Europa wie in Lateinamerika, nicht nur theoretisch diskutiert, sondern auch in der Praxis versucht wurden. "Hundert Jahre Einsamkeit": Das war damals der Einbruch der Phantasie in eine vom soziologischen und politologischen Jargon bestimmte Literatur. Hier entstand eine phantastische Welt, die sich keineswegs als unpolitisch präsentierte, sondern sich als Vorbereitung von Revolutionen in verschiedenen Bereichen verstand.

          Um den schnellen Erfolg des Romans haben sich dessen erste prominente Leser sicher verdient gemacht: etwa Luis Buñuel, der die Fahnen bei seinem Landsmann und Kollegen Luis Alcoriza gelesen hatte, oder Carlos Fuentes, der wie so oft eine knappe und eingängige Formulierung fand: "Hundert Jahre Einsamkeit" - das sei von jetzt an die Bibel Südamerikas. Populär wurde das Buch aber in so vielen spanischsprachigen Ländern vor allem durch Mund-Propaganda.

          Der Rezensent beispielsweise verdankt die Bekanntschaft mit diesem Jahrhundertbuch einer jungen spanischen Schauspielerin, die in einem Nachtclub nahe der Plaza de España auftrat und die ihm dort mit Begeisterung von dem kolumbianischen Dorf Macondo und der Sippe Buendía mit ihren José Arcadios und Aurelianos erzählte. Nicht, daß sie das in Argentinien veröffentlichte Buch selbst gehabt hätte; sie hatte es auch noch nicht lesen können. Doch in der Morgenfrühe, wenn der Club seine Türen schloß, ging sie zu einer in der Nachbarschaft wohnenden Freundin, wohin sie denn auch schon mal einen Bekannten mitnahm. Die Freundin gehörte zu den wenigen glücklichen Besitzern des Romans, und außerdem war sie die von zu Hause entwischte Tochter eines hohen Funktionärs des Franco-Regimes, der das schreckenerregende Amt eines Präsidenten des Sondergerichts zur Unterdrückung des Kommunismus und der Freimaurerei ausgeübt hatte. Die Tochter des schrecklichen Richters erzählte uns Nacht für Nacht das jeweils neueste Kapitel, das sie kurz vorher am Abend gelesen hatte. Die schönsten Stellen las sie uns noch einmal vor.

          Die Stunden im Nachtlokal waren schließlich nur noch eine gierige Wartezeit, um zu erfahren, was sich in Macondo und bei der Großfamilie Buendía weiter getan hatte. Schließlich machte der Sondergerichtspräsident dem literarischen Nachtidyll ein brutales Ende: Er ließ seine Tochter von der Polizei abholen, denn die noch nicht Einundzwanzigjährige lebte dort mit einem Bildhauer und Architekten zusammen, was für die hohen Amtsträger der Diktatur sicher genauso schlimm war wie Kommunismus und Freimaurertum zusammen. Da kam der Roman aber schon in die Madrider Buchhandlungen, und wir konnten die letzten Kapitel in einem Zug lesen.

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