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: Der Schwachpunkt ist die Qualität

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Pythagoras mag ein großer Mathematiker und Philosoph gewesen sein. Für den Informatiker Erik Möller, der in seinem Buch den Fortschritt des Menschengeschlechts durch das Internet propagiert, gehört er trotzdem zu den Antihelden in der Geschichte der Informationsgesellschaft, weil er seine Erkenntnisse als geheimes Herrschaftswissen monopolisierte, statt es dem Volk zur Verfügung zu stellen.

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          Pythagoras mag ein großer Mathematiker und Philosoph gewesen sein. Für den Informatiker Erik Möller, der in seinem Buch den Fortschritt des Menschengeschlechts durch das Internet propagiert, gehört er trotzdem zu den Antihelden in der Geschichte der Informationsgesellschaft, weil er seine Erkenntnisse als geheimes Herrschaftswissen monopolisierte, statt es dem Volk zur Verfügung zu stellen. Als Mutter aller Obskurantisten aber erscheint auf dem Monitor der Online-Aufklärung - wie könnte es anders sein - die mittelalterliche Kirche, die allen Erkenntnisfortschritt abgewürgt habe. Daß es auch im "dunklen Zeitalter" eine reiche philosophische, literarische und künstlerische Produktion gab, daß die Klöster viele technische Innovationen beförderten, paßt nicht in die schwarze Legende.

          Das simple Geschichtsbild, mit dem Möller den historisch-politischen Rahmen seines Buches absteckt, ist zwar ärgerlich, verspricht aber polemischen Schwung bei der Darstellung der virtuellen Gegenwart. Doch diese Erwartungen werden enttäuscht, denn zu oft geraten dem Autor die größeren politischen und technischen Entwicklungslinien aus dem Blick, verliert er sich in Software-Details, die der durchschnittliche Internet-Interessierte oft nur mühsam nachvollziehen kann. Wer sich trotzdem durchbeißt, wird mit einer Fülle von Informationen über die Umbrüche der digitalen Kommunikationsgesellschaft belohnt. Gekoppelt mit praktischen Tips und vielen Internet-Quellen liegt darin das Verdienst des Buches.

          Für Möller bildet das Internet die Plattform für eine künftige gerechte und demokratische Weltgesellschaft, regiert durch die umfassende politische und informationelle Partizipation der globalen Netzgemeinde. Bertolt Brechts Forderung aus den dreißiger Jahren, das Radio von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln, über den jeder Botschaften nicht nur empfangen, sondern auch aussenden kann, entspricht auch dem Credo Möllers und anderer Netz-Aktivisten. Noch versuchen die "alten Eliten" der Informations- und Kommunikationsindustrie, von Time Warner bis Microsoft, solche Ansätze zu ersticken. Doch für Möller hat bereits eine "heimliche Medienrevolution" begonnen, die die patent- und urheberrechtsgeschützte Macht des Ancien régime brechen und an seine Stelle eine softwaregestützte Rätedemokatie mit freien Informationsflüssen setzen könnte. Zu den revolutionären Kräften gehört die "Open source"-Bewegung, die sich der Verbreitung frei verfügbarer Software widmet. Deren zugrundeliegende Befehlsfolgen - der Quellcode - sind allgemein zugänglich, so daß diese Programme von allen für alle bearbeitet und verbessert werden können. Ein Stachel im Fleisch der kommerziellen Software-Industrie ist das Betriebssystem Linux, das sich zu einem ernsthaften Konkurrenten von "Windows" auszuwachsen beginnt und von engagierten Programmierern permanent weiterentwickelt wird.

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