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: Der schlimmste Fehler ist der, der uns berechenbar macht

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Schach war schon immer zugleich mehr und weniger als ein Sport. Weniger, denn es wird im Sitzen ausgeübt, man kann es auch gegen Maschinen spielen, und man muss als Zuschauer nicht dabei sein, wenn es stattfindet, das Spiel lässt sich ohne Verluste aufschreiben.Schach ist aber auch mehr als ein Sport.

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          Schach war schon immer zugleich mehr und weniger als ein Sport. Weniger, denn es wird im Sitzen ausgeübt, man kann es auch gegen Maschinen spielen, und man muss als Zuschauer nicht dabei sein, wenn es stattfindet, das Spiel lässt sich ohne Verluste aufschreiben.

          Schach ist aber auch mehr als ein Sport. In welcher Disziplin sonst wird mitunter zwölf Stunden am Tag trainiert, in welcher muss man zuweilen zehn Tage lang hintereinander jeweils fünf Stunden lang kämpfen? Man spricht von Eröffnungstheorie oder Endspielstudium. Das klingt nach Forschung und ist tatsächlich eine. Auch gibt es im Schach Kompositionen. Das klingt nach Kunst, und Marcel Duchamp - Autor der Abhandlung "Opposition und Schwesterfelder" über Bauernendspiele - war tatsächlich eine Zeitlang geneigt, die Schönheit des Figurenspiels den Bildwerken vorzuziehen. Entsprechend steht der überragende Schachspieler seit je im Ruf, mehr als ein großer Sportler zu sein: Rechenmaschine, Autist, Denker, Virtuose.

          Garri Kasparow ist einer der größten Schachspieler überhaupt, der bisher jüngste aller Weltmeister und war unglaubliche zwanzig Jahre lang Weltranglistenerster. In jeder Rangliste der besten Partien aller Zeiten gehört sein Name zu den meistvertretenen. Zugleich war Kasparow einer der umstrittensten Spieler seiner Epoche. Um den zornigen jungen Mann aus Aserbaidschan von der Weltspitze fernzuhalten, wurden beträchtliche Anstrengungen unternommen. Später hat er den Weltschachverband gespalten, und das Schach hat sich bis heute nicht davon erholt. Mit Leuten, die er einst als Mafiosi bekämpft hatte, paktierte er kurz darauf. Nach seinem Rücktritt 2005 hat er sich der russischen Politik zugewendet, um mit der "Vereinigten Bürgerfront" gegen die Diktatur Wladimir Putins zu opponieren. Soeben ist er vom dortigen Geheimdienst vernommen worden.

          Müsste man auf der Grundlage seines Buches eine neue Schachlegende erfinden, dann würde sie heißen: Der große Schachspieler als Manager. Denn jedes der siebzehn Kapitel dient Kasparow dem Nachweis, die Erfahrung erfolgreichen Schachspiels sei exemplarisch für Fähigkeiten, die Entscheider brauchen. Schach ist für ihn keine Sache halbwahnsinniger Künstler, kühler Logik oder unglaublicher Rechenstärke - "Es hilft nicht, weit vorauszuschauen, wenn man nicht versteht, was man da sieht" -, sondern ein "Versuchsfeld für Entscheidungsfindung". Und weil strategisches Entscheiden auf Märkten so wichtig ist wie in Organisationen, in der Politik oder in der Karriereplanung, ist der hübsche Titel der englischen Originalausgabe des Buches "How Life imitates Chess", wie das Leben Schach nachahmt, nicht nur ironisch gemeint.

          Immer wieder kommt Kasparow, nachdem die Probleme von Feldherren, Vorstandsvorsitzenden und Börsenmaklern skizziert worden sind - manches Kapitel dürfte auf Vorträge vor solchem Personal zurückgehen - , zu eigenen Partien zurück, um ihre kritischen Momente so zu beschreiben, dass sie auch Leser nachempfinden können, die nicht Schach spielen. Abgedruckt ist allerdings keine einzige, was die Sache mitunter etwas unanschaulich macht.

          Das Buch wendet sich insofern an Laien; im Glossar wird sogar erklärt, was eine "Partie" ist. Und es wendet sich an Leute, die zu wenig Zeit haben, um sich mit den Beispielen für gutes Entscheiden, die Kasparow heranzieht, genauer zu beschäftigen, sei es nun mit Churchill, Boeing, Disraeli oder den Vorgängern des Autors als Weltmeister. Dabei zeigt es sehr schön, dass man kein Professor für Marketing und kein Unternehmensberater sein muss, sondern auch durch Nachdenken über sportliche Konfliktsituationen zu jenen Ratschlägen kommen kann, die Managern gern erteilt werden. Besonders aus seinen langwierigen Weltmeisterschaftskämpfen gegen Anatoli Karpow zieht der Autor allgemeine Schlüsse über erfolgreiches Entscheiden. Sein Plädoyer, stets "das ganze Brett im Blick zu behalten", befolgt er selber stets. Kasparow springt vom Krieg um Öl zu Kampfstil Alexander Aljechins und von dort zur englischen Wahlrechtsreform im neunzehnten Jahrhundert.

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