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: Der Schauer des Primitiven

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Daß eine Dissertation über einen Zeitraum von hundert Jahren in mehreren Sprachen fast ununterbrochen als Buch verfügbar ist, kommt sehr selten vor. Dies ist der Fall der Schrift "Abstraktion und Einfühlung: Ein Beitrag zur Stilpsychologie" von Wilhelm Worringer, der sie 1907 an der Universität Bern vorgelegt hatte.

          Daß eine Dissertation über einen Zeitraum von hundert Jahren in mehreren Sprachen fast ununterbrochen als Buch verfügbar ist, kommt sehr selten vor. Dies ist der Fall der Schrift "Abstraktion und Einfühlung: Ein Beitrag zur Stilpsychologie" von Wilhelm Worringer, der sie 1907 an der Universität Bern vorgelegt hatte. Der Dissertationsdruck gelangte in die Hände des Schriftstellers Paul Ernst, der, ohne zu bemerken, daß diese Arbeit nicht auf dem Buchmarkt zu haben war, eine Besprechung in der Zeitschrift "Kunst und Künstler" veröffentlichte, woraufhin sich der Piper Verlag im darauffolgenden Jahr zur Veröffentlichung entschloß. Übersetzungen in mehrere Sprachen folgten, und nur selten war das Buch nicht lieferbar.

          Das Verzeichnis der Namen von Schriftstellern und Künstlern, auf die das schmale Buch Einfluß ausgeübt haben soll, ist lang. Worringers Buch entstand im Augenblick des plötzlichen Aufblühens der expressionistischen Bewegung, zwei Jahre nach Gründung der Dresdner "Brücke", und die Spuren seiner Gedanken lassen sich nicht nur bei Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner, sondern auch noch in Carl Einsteins Buch "Negerplastik" nachweisen. Der Einfluß reichte sogar weit über Deutschland hinaus nach England und in den letzten Jahrzehnten bis in die Vereinigten Staaten, wo er sich mit Tendenzen im "New Criticism" traf.

          Auch die monumentale Stilpsychologie des "imaginären Museums" von André Malraux hat eine Verwandtschaft mit Worringers Bemühen, psychologische Grundformen des Stils für ein Verständnis der Weltkunst fruchtbar zu machen und neue Möglichkeiten des Vergleichs über die Grenzen der Stile hinweg zu erschließen. Worringers Buch "Griechentum und Gotik" ergab sich später fast zwingend aus dem Ansatz seiner Dissertation, und die Gegenüberstellung des griechischen und des gotischen Lächelns wurde zu einer der spektakulärsten Gegenüberstellungen im imaginären Museum von André Malraux.

          Die erstaunliche Wirkung von Worringers Dissertation wäre weniger erstaunlich, wenn sich der junge Kunsthistoriker direkt zum Sprachrohr des Expressionismus und der sich damals erst atmosphärisch ankündigenden Abstraktion gemacht hätte. Tatsächlich aber zeigt seine frühe Arbeit keine Spuren solcher gewollter Zeitgenossenschaft. Sie schließt vielmehr an die psychologische Ästhetik von Theodor Lipps auf der einen Seite und die Bestrebungen der Wiener Schule, besonders Alois Riegls, auf der anderen Seite an, die der ornamentalen Kunst und ihren Gesetzmäßigkeiten eine Schlüsselstellung in der Gesamtheit des Kunstschaffens anwies. Worringers Arbeit ist ohne Riegls Begriff des "Kunstwollens" nicht zu denken, der hier seine Kraft der Umwertung des von der Renaissance herkommenden Kunstschaffens unter Beweis stellt. Hinzu kamen freilich gegenläufige Einflüsse vom späten Klassizismus Adolf von Hildebrandts und von Hans von Marées.

          Für Worringer waren Abstraktion und Einfühlung die psychologischen Grundlagen einer nachahmenden und einer formgesetzlichen Kunst. Diese war die ursprüngliche Kunstübung, die nachahmende dagegen, die einfühlend erlebt wird, ein Spätprodukt und im Zusammenhang der Weltkunst bloß eine Episode: "Die Geschichte des Nachahmungstriebes ist eine andere als die Geschichte der Kunst", schrieb Worringer und leitete damit eine gewaltige Verschiebung im Kunstkosmos ein.

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