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Alexander Kluge über Russland : Wie Anna Karenina glücklich wurde

Kunst der Überraschung: Filmstill aus dem sowjetischen Kinoklassiker „Zirkus“ von Grigori Alexandrow von 1936. Bild: Archiv Kairos Film

Die Bodenturner der Transformation enden meist tragisch: Alexander Kluges „Russland-Kontainer“ ist ein virtuoses Dokumentarzirkusstück für Kenner.

          4 Min.

          Der unerschöpfliche Geschichtenerzähler Alexander Kluge hat wieder eine poetische Doku-Wunderkammer zwischen Buchdeckeln vorgelegt. Er berichte von einem ihm fremden Land, schreibt Kluge nicht ganz wahrheitsgemäß am Beginn seines „Russland-Kontainers“, einer Sammlung disparater, assoziativ geordneter Texte über Mitgestalter russischer Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte, die von breiter Sachkenntnis kündet und, unterbrochen von Tagebuchnotizen des Autors, ein Wimmelbild zumeist gescheiterter Projekte ergibt.

          Ein Buch für das laufende Krisenjahr

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der mit Filmstills, Grafiken und Fotos illustrierte Band nimmt Themen früherer Kluge-Bücher auf, etwa Napoleons und Hitlers Russland-Feldzüge, revolutionäre Utopien und Terror, Raumfahrt und Perestroika; entstanden sei er freilich als Abbitte an seine vor drei Jahren verstorbene Schwester Alexandra, über deren an der DDR-Schule erworbenes Russland-Faible sich die Familie lustig gemacht habe, erfährt man. Der Blick zurück auf die kolossale Erfahrung sozialer Erosion in diesem Land passt aber vor allem bestens ins laufende Krisenjahr, in dem kumulierende Probleme den Zukunftshorizont zunehmend versperren – und das nicht nur in Russland.

          Alexander Kluge: „Russland-Kontainer“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 444 S., Abb., geb., 34,– €.
          Alexander Kluge: „Russland-Kontainer“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 444 S., Abb., geb., 34,– €. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Die Methode der Materialsammlung ist Kluges künstlerisches Credo. Er will Geschichte nicht als Korsett konsekutiver Abläufe vorführen, sondern als Polyphonie von Zielstrebigkeiten, die dem Leser eigene Arbeit abverlangt. Darin versteht Kluge sich als Romancier. Vor allem aber liebt er den Zirkus. Er schildert, wie der sowjetische Staatszirkus „Sieg des Proletariats“ im Juli 1941 vom deutschen Überfall in Weißrussland überrascht und dennoch glücklich evakuiert wurde. Nach der Wende 1989 setzte dann im ehemaligen Ostblock das große Zirkussterben ein. Der „Russland-Kontainer“ mit seinem K als Hommage an die russische Schreibweise lässt Momentaufnahmen historischer Nervenpunkte zirkushaft nach dem Überraschungsprinzip aufeinanderfolgen und bringt das Publikum durch artistische Mystifikation zum Staunen.

          Der Geheimnisträger spricht ohne Worte

          Kluge hat politische Entscheider aus Russland getroffen, zum Beispiel den Nahostexperten Jewgeni Primakow, der als russischer Außenminister unter Jelzin Einflussverluste seines Landes wieder wettzumachen versuchte. Der verriet ihm, dass, wären im ersten Golfkrieg die Amerikaner bis nach Bagdad vorgestoßen, sowjetische Militärs Gorbatschow gestürzt und eingegriffen hätten – allerdings soll Primakow ihm das ganz ohne Worte, nur durch geheime Signale im Augenhintergrund mitgeteilt haben. Kluges besondere Sympathie gilt dem Reformator Gorbatschow, dessen Projekt, die Sowjetunion zu erhalten, scheiterte, weil er nach dem gescheiterten Augustputsch 1991 die systemerhaltenden Kräfte nicht mehr mobilisieren konnte. Im Gegensatz zu den „Buschräubern von Minsk“ – Russland, der Ukraine, Weißrussland –, denen ihre staatliche Abkopplung Beute versprach, hätte Gorbatschows Gegen- koalition sich auf Verzichtsbereitschaft gründen müssen.

          So widmet sich Kluges zentrales Kapitel dem Raubtierblick des Beutemachers auf die Landkarte. Seine Erörterung der „Herzland“-Theorie des britischen Geostrategen Halford Mackinder (1861 bis 1947), wonach eine starke Macht im osteuropäisch-westsibirischen Raum die Welt dominieren werde, charakterisiert den Theoretiker des britischen Imperiums nebenbei auch als Eroberer neuer Forschungsressourcen. Und zeigt Mackinder 1920 als schmallippigen Unterhändler mit geschlagenen Einheiten der Weißen Armee in Südrussland, weil er ein Wiedererstarken des Russischen Reiches um jeden Preis verhindern will. Was den Engländer mit Napoleon, Hitler und ihren Truppenkommandeuren verbindet, ist in Kluges Darstellung, dass alle Russland als Beutestück ansahen, das sie zugleich nicht „haben“, das heißt erkunden und kultivieren, wollten – ein Motiv, das der Autor parallel auch in erotischen Eroberungskonstellationen durchspielt.

          Nichts ist grausamer als ein Eroberer, der das Eroberte nicht haben will: Anleitung für deutsche Soldaten, aus Zeitungspapier einen Schutz gegen die russische Kälte zu basteln.
          Nichts ist grausamer als ein Eroberer, der das Eroberte nicht haben will: Anleitung für deutsche Soldaten, aus Zeitungspapier einen Schutz gegen die russische Kälte zu basteln. : Bild: Archiv Kairos Film

          Umso mehr imponiert ihm der frühere amerikanische Außenminister James Baker, dem dieser Beuteblick fremd gewesen sei. Der texanische Jurist, der die Sowjetunion während der Auflösungsphase bereiste, hätte ihren Fortbestand vorgezogen und sorgte sich um die Rache einer späteren Generation von Militärs, falls die Implosion des Imperiums rückblickend als Demütigung empfunden werden würde.

          Kluge präsentiert jedoch auch intellektuelle Trapezkünstler wie Heiner Müller, der im Flugzeug über Sibirien an das revolutionäre Projekt eines künstlichen Meeres dort denken musste, oder Jürgen Habermas, der angesichts der Krise Europas am liebsten das menschliche Subjekt umbauen würde. Die auftretenden Bodenturner der Transformation wurden sämtlich Opfer des Staatsterrors: der Theologe und Mathematiker Pawel Florenski, für den die Elektrifizierung auch eine apokalyptische Erleuchtungsmission war, der Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew, der in den zwanziger Jahren einer der ersten Vertreter der Konjunkturzyklentheorie war, oder Nestor Karger, der Pionier der sibirischen Sprachforschung. Als Schlusskadenz folgt eine ganze Kaskade von Tötungsszenen ausgewiesener Miterbauer des Systems, von Marschall Michail Tuchatschewski über die Parteiführer Nikolai Bucharin und Alexej Rykow bis zu deren NKWD-Henker Nikolai Jeschow.

          Wie man Opfer wieder „instandsetzt“

          Was läge da näher, als sich der wissenschaftlichen Utopie der frührevolutionären Biokosmisten, Tote wieder lebendig zu machen, zu verschreiben, wie es Kluge und Heiner Müller im Whiskyrausch getan haben, und den Abschuss eines Hirsches als umgekehrten Film zu imaginieren? Kluge, der selbst mit seinem Buch Verstorbene zurückholt, glaubt an Heilungswunder. Wie ein ewigweibliches Rettungsprinzip lässt er immer wieder Pädagoginnen, stille Mitarbeiterinnen, Kindermädchen – darunter sein eigenes – auftreten, die männliche Schützlinge „instandsetzen“ und so deren erfolgreiche Biographien erst ermöglichen. Während des Kriegskommunismus vor hundert Jahren soll es im moskaunahen Tula einem Trupp engagierter Junglehrerinnen gelungen sein, eine Horde verwahrloster Sozialwaisen durch geregelte Mahlzeiten, Unterrichtsstunden und Hygieneerziehung berufstauglich zu machen.

          Doch Kluges Materialsammlung ist mit Vorsicht zu genießen, der Romancier arbeitet gerne Dinge um. So zitiert er den Perestroika-Ökonomen Leonid Abalkin, der in Moskau die Kondratjew-Stiftung gründete, mit einem Exkurs über schwerfällige Entwicklungsprojekte, die erst realisiert werden, wenn sie sich nicht mehr lohnen; er stellt ihn jedoch vor als Leonid Andropow, einen entfernten Verwandten des früheren Generalsekretärs Juri Andropow. Aus dem Schriftsteller Andrej Bitow macht er, offenbar inspiriert von dessen Romanfigur Monachow („Mönch“) und Reflexionen über die Abschaffung der Kalenderzeit in dessen letztem Buch, einen Klosterbruder, der die moderne Chronologie widerlegt. Er erfindet einen Komponisten, der bei Schostakowitsch gelernt und eine Fuge für Wellenlängen und Obertonfolgen verfasst haben soll. Und als Herzenskenner versetzt er die Figuren des Romans „Anna Karenina“ in den Ersten Weltkrieg, wo die Titelheldin zur hingebungsvollen Krankenschwester und mangels freier Zeit in ihrer Ehe glücklich wird.

          Solche Zaubereien zu entschlüsseln bleibt der Findigkeit des Lesers überlassen. Die Anmerkungen im Anhang verrätseln die Sache nur weiter und ziehen mit QR-Codes zu Kluges Filmen den Leser tiefer in seinen Kosmos hinein. Doch gerade diese spiegelkabinettartige Sprache transferiere das russische Material in das Idiom und den Kontext der globalen Kultur, sagt die Kuratorin des Moskauer Garage-Museums für Zeitgenössische Kunst, Katja Inosemzewa, der Kluge für ihre Unterstützung seines Buchprojekts besonders dankt. Daher will die Garage noch in diesem Herbst die russische Ausgabe des „Russland-Kontainers“ präsentieren und im kommenden Jahr Kluge eine Ausstellung widmen.

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