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Reportagen aus Syrien : Also, wann ist der Krieg zu Ende?

  • -Aktualisiert am

Kriegskinder im nordsyrischen Marea: Eine Aufnahme aus dem Herbst 2012, in dem Janine di Giovannis Reportagen entstanden. Bild: Aftonbladet

Nahaufnahmen aus dem gemarterten Syrien: Die preisgekrönten Reportagen der amerikanischen Journalistin Janine di Giovanni berichten vom universalen Leid – auf beiden Seiten der Front.

          3 Min.

          Wie sieht Krieg aus? Wie hört sich Krieg an? Wonach riecht Krieg? Die Amerikanerin Janine di Giovanni, seit mehr als zwei Jahrzehnten als Reporterin in den finstersten Regionen der Welt unterwegs ist, schreibt nicht aus sicherer Distanz, ihr Metier ist die Nahaufnahme. Bosnien, Irak, Afghanistan, Sierra Leone, Tschetschenien, Südsudan, Liberia, Ruanda - ihre Reportagen erschienen im „Guardian“, „Newsweek“, „Vanity Fair“ und im „New York Times Magazine“. Sie kennt den „betäubenden Geruch der Angst“, das „pfeifende Geräusch der fallenden Bomben“, die „Geschwindigkeit, mit der das Leben, das man kennt, zusammenbricht“, aus nächster Anschauung. So oft war sie so nah dran, dass sie sich selbst als „beschädigt“ bezeichnet.

          Selbst ihre große Liebe, den französischen Kameramann Bruno Girodon, hat sie 1993 an der Front getroffen, in einem zerschossenen Hotel in Sarajevo. Das normale Leben ist für sie Ausnahmezustand, im Krieg dagegen fühlt sie sich zu Hause. Vielleicht addieren sich deshalb ihre Reportagen aus Aleppo, Damaskus, Homs, Daraya und anderen Zentren des seit mehr als fünf Jahren andauernden Konflikts in Syrien zu einem zeitlosen Werk über den Krieg, das weit über die im Untertitel ihres neuesten Buchs suggerierten „Berichte aus Syrien“ hinausgeht. Die Mehrzahl der Reportagen basieren auf Reisen zu den Epizentren des syrischen Kriegs im Jahr 2012, also noch vor dem Erstarken des sogenannten „Islamischen Staats“. Trotzdem hat man nie das Gefühl, die Texte seien überholt oder veraltet.

          Gut dreißig Ärzte für eine Million Menschen

          Di Giovanni ist eine der wenigen Journalisten, die es geschafft haben, von beiden Seiten der Front zu berichten; sie war sowohl in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten unterwegs als auch in den Teilen Syriens, die vom Assad-Regime beherrscht werden. Sie gibt auch jenen Menschen ein Stimme, die auf der anderen Seite leben, kämpfen, leiden, hoffen und von denen wir sonst nur selten hören: Soldaten der syrischen Armee, Angehörige der Mittel- und Oberschicht, die treu zu Assad stehen, oder auch einfach Menschen, die ihn schlicht aus Angst vor dem Unbekannten unterstützen, das nach ihm käme. Und weil di Giovanni über einen längeren Zeitraum immer wieder nach Syrien gereist ist, ist ihr Buch Momentaufnahme und Chronik zugleich.

          Es erinnert daran, wie alles anfing, mit friedlichen Protesten und Rufen nach mehr Demokratie und Freiheit und deren brutaler Niederschlagung durch das Regime. Sie schildert, wie große Teile der Bevölkerung lange ignorierten, was in anderen Teilen des Landes passierte, denn „wer will schon sehen, dass sich das eigene Land in einen Krieg verstrickt?“

          Die Charaktere, die ihre Reportagen bevölkern, muten wie Archetypen an. Ihre Geschichten erzählen vom universalen Leid, das Krieg mit sich bringt, nicht nur in Syrien. Da ist die zwölfjährige Naya aus Homs, die mit einem Blick ins Leere sagt: „Niemand weiß, wohin dieser Krieg noch führen wird. Aber irgendwohin muss er führen.“ Da ist der Vater aus Hama, der vom Tag erzählt, als vor seinem Haus eine Bombe niederging und er „das Schlimmste auf der Welt hörte: die Schmerzensschreie meines eigenen Sohnes“. Da ist das Baby, das in Aleppo an einer banalen Atemwegsinfektion stirbt, weil es in der von den Rebellen kontrollierten Stadthälfte keine Antibiotika mehr gibt. Und - im Jahr 2012 - nur noch gut dreißig Ärzte für eine Million Menschen.

          Bei aller gebotenen journalistischen Sorgfalt

          Nahaufnahmen. Eine Frau fängt, als sie die amerikanische Reporterin in einem Krankenhaus in Aleppo erblickt, wie von Sinnen an zu schreien: „Wenn ich sterbe, nehmt meine Kinder mit.“ Hussein, ein Völkerrechts-Student aus Homs, erzählt ihr von seiner Folter durch einen Militärarzt, der ihn mit dem Skalpell traktierte, als sei er eine Übungsleiche in der Pathologie. Kriechend durchquert di Giovanni mit einer kleinen Einheit der syrischen arabischen Armee, also den Kämpfern Assads, das zerschossene Homs auf der Suche nach einem Heckenschützen. „Haben Sie manchmal Angst?“, fragt sie einen jungen Soldaten, der sich in endlosen Stunden des Wartens zuvor über Langeweile beklagt hatte. „Nur Idioten haben keine Angst.“

          Janine di Giovanni: „Der Morgen als sie uns holten“. Berichte aus Syrien. Aus dem Englischen von Susanne Röckel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 250 S., geb., 22,- €

          Auch di Giovanni hat Angst. Und sie verschweigt sie nicht. Auch hier keine sichere Distanz, sondern Nähe. Das macht ihr Buch, für das sie den „Courage in Journalism Award“ erhalten hat, bei aller gebotenen journalistischen Sorgfalt so wohltuend menschlich. Hier schreibt kein abgebrühter, zynischer Kriegs-Junkie, sondern eine tief im Humanismus verwurzelte Chronistin des Leids, das Krieg über die Menschen bringt, gleichgültig, auf welcher Seite sie stehen.

          Das Bewusstsein zu lügen

          Offen schildert sie, wie sie sich weinend in der Abstellkammer eines Krankenhauses in Aleppo versteckte, nachdem sie zusehen musste, wie ein Baby in den Armen des hilflosen Arztes starb. Seit dem Tod ihrer amerikanischen Kollegin Marie Colvin, die im Februar 2012 durch Artilleriebeschuss im belagerten Homs starb, hat sie jedes Mal Angst, wenn sie nach Syrien fährt.

          Immer wieder muss sie an ihren zwölfjährigen Sohn zu Hause in Paris denken, vor allem, wenn sie auf ihren Reisen in den Krieg Kinder trifft. „Also, wann ist der Krieg zu Ende?“, fragt sie in Homs ein kleiner Junge, der seit Monaten nicht mehr draußen zum Spielen gewesen war. „Bald“, erwidert sie in dem Bewusstsein zu lügen. Sie küsst ihn zum Abschied auf die Wange und lügt erneut. „Alles wird wieder gut.“

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