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Mensch und Tier : Eine Spezies setzt sich durch

  • -Aktualisiert am

Artgerecht ist anders: ein junger Elefant in einem australischen Zoo Bild: dpa

Ziemlich bestürzende Bestandsaufnahme: Richard Girling erzählt vom skrupellosen Umgang des Menschen mit den Tieren quer durch die Geschichte.

          3 Min.

          Manchmal erzählen ein paar Zahlen schon ziemlich viel: Neunzig Prozent der Säugetiere und siebzig Prozent der Vögel, die in diesem Moment auf dem Planeten leben, sind Nutztiere – da, um dem Menschen Nahrung zu liefern. Umgekehrt sind nur noch zehn Prozent der Säugetiere und dreißig Prozent der Vögel wildlebend, und auch das hat mit dem Menschen zu tun. Denn er hat nicht nur erst Rinder, Schweine und Hühner gezüchtet und ihre Zahl dann in aberwitzige Höhen getrieben, sondern auch die der anderen Tiere dezimiert: 83 Prozent der wildlebenden Säugetiere sind seit dem Beginn der Zivilisation wohl von der Erde verschwunden. Auch wenn man nichts wüsste über Massentierhaltung, Methanausstoß von Kühen, Artensterben und Regenwälder, die zu Äckern mit Futterpflanzen werden, an den bloßen Zahlen ließe sich ablesen, dass etwas aus dem Lot ist im Verhältnis zwischen dieser einen Spezies namens Mensch und den anderen – oder immer schon war.

          Petra Ahne
          Redakteurin im Feuilleton.

          Diesen Eindruck bekommt man, wenn man Richard Girlings „Der Mensch und das Biest“ liest, das die Mensch-Tier-Beziehung von Anbeginn bis heute nachzeichnen will. Auf den fünfhundert Seiten wimmelt es von Tieren, doch zumeist als Objekt des menschlichen Drangs, alles, was sich findet auf der Welt, auf seine Verwertbarkeit hin zu überprüfen. Pferde werden in Schlachten geritten, Panther vor Streitwagen gespannt, Füchse zur Erheiterung als Wurfgeschosse benutzt, Gänsen auf Volksfesten die Köpfe abgerissen, Hunden die Nasen stumpf gezüchtet, Wölfe gehasst, Giraffen und Elefanten in europäische Zoos verschifft, Nashörner bis zum Verschwinden erlegt, Schweine und Rinder in die Abläufe von Fabriken zur Fleischerzeugung eingepasst.

          Wenn Einhörner Jungfrauen auf den Schoß springen

          Immer wieder befragt der Mensch auch seine Beziehung zu Tieren: Haben sie Gefühle? Ist es Unrecht, sie zu quälen? Soll man sie essen? Stehen ihnen Rechte zu? Wie nah sind sie uns? Wie Leuchttürme der Nachdenklichkeit, Empathie und wissenschaftlichen Erkenntnis ragen solche Überlegungen aus der insgesamt bestürzenden Bestandsaufnahme – ändern aber nichts daran, dass dieses eine, zu aufrechtem Gang, Kultur und Vorausschau befähigte Tier erstaunlich frei ist von Skrupeln, wenn es um den Umgang mit allen anderen Tieren geht.

          Richard Girling: „Der Mensch und das Biest“. Eine Geschichte von Herrschaft und Unterdrückung.
          Richard Girling: „Der Mensch und das Biest“. Eine Geschichte von Herrschaft und Unterdrückung. : Bild: Rowohlt Verlag

          Richard Girling hat so eindrucksvolles Material versammelt – ein Plädoyer für den Vegetarismus aus dem siebzehnten Jahrhundert zum Beispiel oder die Diskussionen im britischen Parlament um das erste Tierschutzgesetz –, dass es des erzählerischen Kniffs gar nicht bedurft hätte, mit dem er seine Chronologie offenbar plastischer werden lassen will: Er nimmt sich vor, jeweils in dem Bewusstseinshorizont der Zeit zu bleiben, von der er gerade erzählt. Die Erzählerstimme, meist ein anonymes kollektives Wir, spricht jeweils aus dem Wissen und den Vorbehalten einer Epoche heraus.

          Sind sie uns nah? Sehr

          Das ist manchmal reizvoll, etwa wenn diese Stimme im Ton der Überzeugung aus mittelalterlichen Bestiarien zitiert, in denen Wale so groß sind, dass sie von Seeleuten für Inseln gehalten werden, und Einhörner Jungfrauen auf den Schoß springen. Auf Dauer ist der immergleiche naive Ton aber zu einebnend, um hilfreich zu sein. Die zentralen Weichenstellungen in der Beziehungsgeschichte von Mensch und Tier werden so zu bloßen weiteren Episoden: etwa die folgenreiche Aufforderung in der Genesis, „über alles Getier, das auf Erden kriecht“, zu herrschen, die kartesianische Überzeugung, dass Tiere über so viel Gefühl verfügen wie ein Uhrwerk oder Jeremy Benthams so wichtiger Beitrag zur Moraltheorie, der nicht Intelligenz, sondern Leidensfähigkeit zum entscheidenden Kriterium macht bei der Frage, welchen Lebewesen Rechte zustehen.

          Der glücklicherweise nicht streng durchgehaltene Ansatz einer zeitgebundenen Erzählerstimme verschwindet, wenn Girling, Wissenschaftsautor und Umweltaktivist, in seiner Chronologie das zwanzigste Jahrhundert erreicht. Eines der stärksten Kapitel behandelt die vermeintliche Bruchlinie zwischen Mensch und Tier, die die Forschung zunehmend als einen nur graduellen Unterschied erkennt. Die jüngere Ethologie konstatiert bei manchen Tieren Eigenschaften, die auch menschliches Miteinander prägen, wie etwa Bereitschaft zur Kooperation.

          Es gibt jetzt ein paar Antworten auf die Fragen, die sich der Mensch seit je in Bezug auf Tiere stellt. Sind sie uns nah? Sehr. Nun, da Klimawandel und Artensterben akute Bedrohungen sind, hat dieses Wissen andere Implikationen, als ein Zeitgenosse etwa der Renaissance hätte ahnen können. Schon aus reinem Überlebenswillen muss der Mensch von heute sich eingestehen, dass er Tier geblieben ist, abhängig von einer intakten Umwelt. Girlings Beziehungsgeschichte ist eine gute Grundlage, um zu begreifen: Das nächste Kapitel im Verhältnis von Mensch und Tier wird das entscheidende sein.

          Richard Girling: „Der Mensch und das Biest“. Eine Geschichte von Herrschaft und Unterdrückung. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2021. 507 S., geb., 26 Euro.

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