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: Der Mann, der sich mit sich selbst verwechselt

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War es wirklich so, dass Tom Kummer von dem System, das er betrog, erst gezeugt wurde? Einmal, im Herbst des Jahres 1997, hat mir Tom Kummer fast das Leben gerettet - was hier nicht nur deshalb erwähnt werden muss, weil Journalisten, wenn sie über den Fall Tom Kummer schreiben, dabei ohnehin immer ...

          War es wirklich so, dass Tom Kummer von dem System, das er betrog, erst gezeugt wurde? Einmal, im Herbst des Jahres 1997, hat mir Tom Kummer fast das Leben gerettet - was hier nicht nur deshalb erwähnt werden muss, weil Journalisten, wenn sie über den Fall Tom Kummer schreiben, dabei ohnehin immer über sich selber schreiben, ob sie nun "ich" sagen oder nicht: Es spielt auch deshalb eine Rolle, weil Kummer ein Buch über sein Leben und Werk geschrieben hat. Darin kommen naturgemäß all jene Kollegen vor, mit welchen Kummer irgendwann zusammengearbeitet hat - und wenn ich, der ich einer dieser Kollegen bin, jetzt einfach heraustrete aus dem Text, um über dieses Buch zu schreiben, dann ist das, erstens, nur gerecht; und zweitens einer jener Kurzschlusseffekte, die immer dann zu beobachten sind, wenn Tom Kummer, die sogenannte Realität und die Tastatur seines Computers aufeinandertreffen.

          Tom Kummer hat mir 200 Dollar geliehen, als ich sie äußerst dringend brauchte - ich war aus New York nach Los Angeles gekommen, und als ich aus dem Flugzeug stieg, merkte ich, dass die Kreditkarte in New York geblieben war; das Bargeld reichte fürs Taxi zum Hotel. Kummer kam vorbei, er bürgte für mich, und dann fuhren wir von Santa Monica nach Norden, ins "Neptune's Net", eine Bretterbude über dem Strand, wo wir Hummer und Chili fries vom Pappteller aßen, ein paar Flaschen Rolling Rock tranken und den Surfern von Malibu beim Warten auf die großen Wellen zuschauten. Als es dämmerte, schlug Kummer vor, noch ein Lokal zu besuchen, welches, wie er versprach, eines der bestgehüteten Geheimnisse von Hollywood sei. "Chez Jay" heiße es; dort träfen sich die Mächtigen und die Berühmten, wenn sie nicht am nächsten Tag in der Zeitung stehen wollten.

          Jay empfing uns in der Tür und begrüßte Kummer wie einen alten Freund. Er wies uns einen Tisch zu und sagte, dass wir vor neun Uhr gehen müssten, weil dann Gäste kämen, die sehr wichtig seien; die Namen wollte er nicht nennen. Und wenn mich die Erinnerung nicht völlig trügt, war der Weg zum Waschraum mit Fotos dekoriert, welche Jay, den Wirt, mit verschiedenen Hollywoodschauspielern zeigte, Pacino, de Niro, diese Liga. Ich hatte, als wir gingen, keine Berühmtheit gesehen und war doch sehr beeindruckt. Und hätte ich damals schon von jenen Gerüchten gehört, die angeblich längst kursierten in Münchner und Hamburger Redaktionen, dann hätte ich die wohl so kommentiert: Ja klar, die einen gehen in ihre Redaktionskantinen und reden schlecht über Abwesende. Tom Kummer sitzt derweil in einem Lokal in Santa Monica und wartet auf Sharon Stone.

          Tom Kummer, das ist der Mann, der erst berühmt wurde für seine Interviews und dann noch viel berühmter dafür, dass er die meisten dieser Interviews erfunden hatte. Wir sind, bevor alles herauskam, einander immer wieder begegnet, zuerst in der Hamburger "Tempo"-Redaktion, später in München, in Los Angeles, und das Bemerkenswerte an diesem Mann war, außer den extrem kurz geschnittenen Haaren und dem grimmigen Gesichtsausdruck, dass er verrückt wirkte und zugleich äußerst konzentriert, so dass man dachte: Wer den zum Interview trifft, verlässt entweder nach zwei Minuten den Raum. Oder er kapituliert und packt aus.

          Als wir einander noch einmal trafen, nach dem Skandal, war Kummer sehr still und ein wenig verzagt.

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