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: Der Mann aus Teneriffa, dem die Haare wie einem Tier wuchsen

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Der Anstoß zu diesem Buch von Roberto Zapperi führt zurück in das Jahr 1985. Damals veröffentlichte der in Rom lebende Privatgelehrte einen Aufsatz in den Annales E. S. C., der später zum Teil ins Deutsche übertragen wurde: "Ein Haarmensch auf einem Gemälde von Agostino Carracci". Das Bild vom Ende ...

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          Der Anstoß zu diesem Buch von Roberto Zapperi führt zurück in das Jahr 1985. Damals veröffentlichte der in Rom lebende Privatgelehrte einen Aufsatz in den Annales E. S. C., der später zum Teil ins Deutsche übertragen wurde: "Ein Haarmensch auf einem Gemälde von Agostino Carracci". Das Bild vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts hängt heute in Neapel, stammt aber aus den Sammlungen des Palazzo Farnese. Ein Inventar aus dem Jahre 1644 führt es mit dem merkwürdigen Titel auf: "Der behaarte Arrigo, der Narr Pietro, der Zwerg Amon und andere Tiere." Die anderen Tiere sind zwei Hunde, zwei Affen und ein Papagei. Sie sind äußerst friedfertig, streiten sich nicht um ihr Futter, sondern scheinen es sich zu teilen. Auch haben die Hunde aus dem alten Europa nichts gegen die Exoten aus der Neuen Welt. Mit den drei Menschen an der Grenze des "normalen" Menschseins, dem Behaarten, dem Zwerg und dem Narren verbindet sie Eintracht und Harmonie. Carracci wollte ausdrücken, daß die Tiere nicht unter den Menschen stehen, die in der Gestalt des Behaarten einen fließenden Übergang in das Tierreich zu bilden scheinen. Mit solcher Auffassung stand er nicht allein: Michel de Montaigne erörtert in seinen "Essais", der Mensch habe keinen Vorzug vor den Tieren.

          Wer aber ist die Hauptfigur des Bildes, jener "Arrigo Peloso"? Blonde Haare bedecken Brust und Arme, setzen sich im Gesicht fort und gehen in das Kopfhaar über. Um die Schultern trägt er ein "tamarco", das Fell eines Guantschen von den Kanarischen Inseln. Doch halt - jetzt weiß der Autor schon mehr als im Jahre 1985. Denn in der Zwischenzeit ist er in einer akribischen Studie der Herkunft dieses "Haarmenschen" nachgegangen. Sie führte ihn durch Archive und Kunstsammlungen von Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland und liegt nun unter dem Titel: "Der wilde Mann von Teneriffa" in einer Übersetzung vor.

          Im Mai 1591 kommt eine seltsame Person an den herzoglichen Hof in Parma. Sein Name: Don Pietro Gonzales Selvaggio - Don Pedro, ein Wilder. Er sagt von sich, daß er aus Teneriffa stammt und Guantsche ist, also einer hellhäutigen afrikanischen Ethnie angehört, die seit Urzeiten die Inseln besiedelt hatte. Doch zu dieser Zeit hat Don Pedro schon eine lange Geschichte hinter sich. 1547 wurde er als zehnjähriger Knabe dem französischen König Heinrich II. zum Geschenk gemacht. Man muß wohl davon ausgehen, daß er nach Spanien hätte gelangen sollen, das Schiff aber von französischen Korsaren aufgebracht wurde, die sich beeilten, dieses Wunder der Natur ihrem neuen König zu überreichen. Denn das Gesicht des hübschen Jungen war ganz mit langen, feinen Haaren bewachsen. Heinrich II. erkannte in diesem Wesen jene behaarten Wilden aus den Wäldern wieder, die in Ritterepen wie Ariosts "Orlando furioso" auftreten. Der jagdfreudige König denkt in den Kategorien des "wilden Mannes"; nun hat er eines dieser Exemplare an seinem Hofe. Die Wirklichkeit ist nüchterner: Der Knabe, später zu "Don Pedro" befördert, leidet an einer seltenen Krankheit, einer Behaarung von Arm, Bein, Brust und Gesicht, der Hypotrichose.

          Der gute König läßt den kleinen "Wilden" erziehen; er lernt sogar Latein, was ein große gesellschaftliche Auszeichnung bedeutete. Bei Hofe erhält er ein Amt, das er auch ausübt; er wird nicht einfach als Monstrosität herumgezeigt. Mehr noch: Um 1573 muß er heiraten und bekommt Catherine zugeführt, eine schöne junge Pariserin, die wahrscheinlich durch das Versprechen einer guten Mitgift zur Ehe überredet wurde. Denn das Stiften von Ehen war eine der Leidenschaften Heinrichs II. und der Königin, Katharina von Medici. Die Kinder von beiden sind zum Teil behaart: Bildnisse der Familie Gonzales sind heute im Schloß Ambras bei Innsbruck zu sehen. So wird zum Mythos vom "wilden Mann" das Märchen La Belle et la Bête hinzugefügt - anders als im Märchen, beeilt sich der Autor zu sagen, verwandelt sich das Tier hier nicht in einen Prinzen. Don Pedro bleibt behaart und wird mit seiner Familie, nach dem Tode Heinrichs II., an europäischen Höfen herumgereicht, bis er schließlich nach Parma und Rom gelangt. Roberto Zapperi ist auch den Schicksalen der Kinder nachgegangen - und so kommt er wieder bei dem Bildnis Carraccis vom Arrigo Peloso an; es zeigt niemand anderen als Don Pedros Sohn, Enrico.

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