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: Der Lyrik eine Startbahn

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Die 1965 in der Reihe "rowohlts deutsche enzyklopädie" erschienene Dokumentensammlung "Theorie der modernen Lyrik" wurde sofort zum Standardwerk, und sie blieb uns über Jahrzehnte hinweg unentbehrlich. Ihr Herausgeber, der kürzlich verstorbene Walter Höllerer, war in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ein ...

          Die 1965 in der Reihe "rowohlts deutsche enzyklopädie" erschienene Dokumentensammlung "Theorie der modernen Lyrik" wurde sofort zum Standardwerk, und sie blieb uns über Jahrzehnte hinweg unentbehrlich. Ihr Herausgeber, der kürzlich verstorbene Walter Höllerer, war in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ein unübertroffener Impresario der Literatur; er gab mit Hans Bender jungen Autoren ein Forum in den "Akzenten" und stieß auf neues Terrain vor mit der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter". Bis zum Anfang der achtziger Jahre wurde auch die Stimme des Lyrikers Höllerer gehört; spröde fiel das Echo auf seinen Roman "Die Elephantenuhr" (1973) aus. Aber dauerhaft wirkte der Gründer des "Literarischen Colloquiums Berlin" als Initiator und Vermittler; sein literaturwissenschaftliches Seminar an der Technischen Universität in Berlin entwickelte sich zur Talentschmiede.

          Zwei der Begabtesten, Norbert Miller und Harald Hartung, haben die Sammlung von theoretischen Beiträgen, deren Autorenreihe von Samuel Taylor Coleridge und Edgar Allan Poe bis Dylan Thomas und Tadeusz Rózewicz reicht, nun auf den neuesten Stand gebracht und um einen zweiten Band erweitert, der bis zu Thomas Kling und Durs Grünbein führt. Verantwortlich für den ersten Band ist Miller, für den zweiten Hartung, der auf die Aufgabe bestens vorbereitet war durch seine vielgepriesene Anthologie "Luftfracht. Internationale Poesie 1940-1990" (1991).

          Beibehalten bleibt das Prinzip Höllerers, nur Texte von Autoren aufzunehmen, die zugleich als Lyriker hervorgetreten sind, Texte also, die aus dem "Zusammenhang von Produktion und Reflexion" entstanden. So wird der Autor des erfolgreichen wissenschaftlichen Buches "Die Struktur der modernen Lyrik. Von Baudelaire bis zur Gegenwart" (1956), der Romanist Hugo Friedrich, nicht einmal mit Namen genannt, und so bleibt auch Theodor W. Adornos fast schon legendäre "Rede über Lyrik und Gesellschaft" unberücksichtigt. Unverändert wieder abgedruckt ist das Nachwort von Walter Höllerer, ein bemerkenswerter Sonderfall seines Genres.

          Höllerer stellt hier nicht die Autoren noch einmal vor, versucht sich auch nicht an einer großräumigen historischen Einordnung der theoretischen Ansätze, sondern ermittelt etwas wie eine "Struktur" der modernen Lyriktheorie, und zwar mit Hilfe einer antithetischen, manchmal auch dialektischen Beweisführung. Stichworte solcher Strukturanalyse sind beispielsweise Lyrik als mathematische Musik oder als kinetische Bildkunst, das Maschinengedicht, Laut- und Geräuschnachahmung, Inspiration und Sehertum, das Widerspiel von Beschwörung und Ironie, Mischung von Groteske und Tragik, Schönheit noch in der Deformation zum Bizarren, die Erhebung der Darstellungsmittel zur Substanz des Gedichts. Strikt wendet sich Höllerer gegen eine "Ideologie" des Schweigens, des Verstummens (polemisiert also indirekt auch gegen Paul Celan) und setzt dagegen seine eigenen "Thesen zum langen Gedicht". Sein Einwand gegen Theorie und Kritik überhaupt, daß die entscheidenden Erneuerer des Gedichts die "gegenwärtigen Beurteilungsmöglichkeiten" immer hinter sich lassen, steht auch im Hintergrund eines seiner Kernsätze: "Der kritische Geist der modernen Lyrik, der sich in der Kritik und im Gedicht selbst rein manifestieren kann, stellt die Theorien immer auch in Frage."

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