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: Der Konsum des Menschen ist unantastbar

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Als 1977 das Centre Pompidou eröffnete, diese monumentale Vision demokratischen Kulturkonsums, antwortete Jean Baudrillard mit Hohn. Keinen Triumph der Aufklärung sah er in den endlosen Besucherströmen, sondern eine Vernichtungsorgie. "Die Massen fallen darüber her, nicht weil ihnen nach dieser Kultur, ...

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          Als 1977 das Centre Pompidou eröffnete, diese monumentale Vision demokratischen Kulturkonsums, antwortete Jean Baudrillard mit Hohn. Keinen Triumph der Aufklärung sah er in den endlosen Besucherströmen, sondern eine Vernichtungsorgie. "Die Massen fallen darüber her, nicht weil ihnen nach dieser Kultur, von der sie seit Jahrhunderten frustriert werden, das Wasser im Munde zusammenläuft, sondern weil sie zum ersten Mal Gelegenheit haben, massiv an dieser immensen Trauerarbeit einer Kultur teilzunehmen, die sie im Grunde immer schon verabscheut haben. Ihre Zahl, ihr Getrampel, ihre Faszination, daß es sie juckt, alles zu sehen, alles zu befingern, ist für das ganze Unternehmen ein objektiv tödliches und katastrophales Verhalten. Es ist die Masse selbst, die der Massen-Kultur ein Ende setzt."

          Solche Stimmen wird man in Michael Prinz' Kulturgeschichte des Massenkonsums nicht mehr finden. Im Gegenteil: Fast alle zweiundzwanzig Experten, die zu dem Sammelband des Bielefelder Historikers beigetragen haben, identifizieren sich wie selbstverständlich mit ihrem Thema. Daß möglichst jeder möglichst alles, was er sich wünscht, genußvoll "verzehren" kann (so Prinz' Definition einer "konsumistischen Haltung"), gilt ihnen als unbedingt erstrebenswert, beinahe als Menschenrecht. Wer Konsumfreiheit ablehnt, so resümiert Sheryl T. Kroen (Florida) den amerikanischen Forschungskonsens, hat etwas gegen Frauen (weil gerade deren Konsum Emanzipationsansprüche artikuliere), gegen Juden (weil Konsumkritik traditionell antisemitisch konnotiert sei) oder gar gegen Amerika. Weil es nur Faschisten, Kommunisten oder Fundamentalisten einfallen kann, Konsum beschränken oder steuern zu wollen, wird kühnes Konsumieren so zur Manifestation demokratischer Autonomie.

          Kurz: Das Buch beschreibt Konsum nicht nur. Es verkündet ihn zugleich. Deshalb erzählt es Konsumgeschichte als Fortschritt zu immer mehr Freiheit - nicht als einen linearen und einsträngigen zwar, aber doch als einen unaufhaltsamen. Bis etwa 1750, solange die Kaufkraft gering, Hungersnöte häufig und religiöse Zwänge stark waren, blieben kostbare Kleider, erlesene Speisen und rauschende Feste ein Vorrecht der Elite, zugleich aber auch deren Pflicht. Weil in der ständischen Gesellschaft jeder den Rang, der ihm zukam, sichtbar machen mußte, blieb Führungsschichten gar nichts anderes übrig als zu prassen. Voller Stolz zahlten Ehrgeizige deshalb die saftigen Strafgebühren, die fällig wurden, sobald man die obrigkeitlichen Luxusordnungen übertrat. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts dann entfesselten wachsender Wohlstand, technischer Fortschritt und billige Massenproduktion zunächst in England die "Konsumrevolution". Historiker bemerken dies oft nur an kleinen Indizien - daran etwa, daß nun immer mehr englische Städte Pferderennbahnen bauten, daß immer mehr Menschen auf Reisen gingen oder sich für Mode interessierten, daß der Verbrauch von Tee und Alkohol (aber auch von Seife) deutlich anstieg oder daß immer mehr Arbeiter bei der Polizei Uhrendiebstähle anzeigten. Merkbar wird dieser erste allgemeine Konsumrausch der Neuzeit aber auch an der Kritik, die er provozierte. John Mandevilles berühmter "Bienenfabel" beispielsweise, nach der private Laster (also forcierter Individualkonsum aller Arten von Gütern) dem Gemeinwohl nützten, trat in Gestalt des "Robinson Crusoe" das puritanische Ideal des sparsamen Hausvaters und Selbstversorgers entgegen.

          Im neunzehnten Jahrhundert ging die "Achsenzeit des Konsums" in eine progressive Beschleunigung über. Ein schönes Beispiel ist der rasante Anstieg der Zahl Dortmunder Brauereien (auf 38 im Jahre 1863), ein besonders trauriges die industriell betriebene Vernichtung der antarktischen Wale. Ihnen wurde, so zeigt Martin Fiedler (Bielefeld) im einzigen konsumkritischen Artikel des Buches, schon vor 1900 die steigende Nachfrage nach Öl und Fett zum Verhängnis. Den Take-off des zwanzigsten Jahrhunderts illustrieren Beiträge zur Entwicklung der Selbstbedienung, der weltweiten Konsumgenossenschaften und der Werbung (die immer weniger einzelne Waren verkaufen und immer mehr allgemeine Konsumfreude wecken wollte). Überall, so resümiert Stefan Goch (Bochum), vervielfachten und verfeinerten sich die Konsummöglichkeiten bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts so sehr, daß die im Industriezeitalter entstandenen "Milieus" zerbrachen und in einer nivellierten Konsumentengesellschaft aufgingen.

          Prinz' Sammelband möchte eine wohletablierte amerikanische Forschungsrichtung endlich auch in Deutschland einführen. Hier, so meint der Herausgeber, habe man Konsum vor allem deshalb wenig beachtet, weil Sozialhistoriker sich traditionell auf Arbeiter konzentriert hätten. Eine hübsche Begründung, doch ein etwas überzogener Befund. Liegt doch immerhin seit 1997 Jürgen Kockas "Europäische Konsumgeschichte" vor und seit 1916 Werner Sombarts "Moderner Kapitalismus", die erste deutsche Konsum-Analyse unter mentalitätsgeschichtlichen Aspekten. Trotzdem ist dieser Versuch, die zahllosen neuen Konsum-Studien angelsächsischer Gelehrter zu einer deutschen Synthese zusammenzuführen, eine höchst anregende Lektüre - auch wenn solche Forschungen neuerdings dazu neigen, zur Trauerarbeit im Sinne Baudrillards zu werden.

          Michael Prinz (Hrsg.): "Der lange Weg in den Überfluß." Anfänge und Entwicklung der Konsumgesellschaft seit der Vormoderne. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2003. 578 S., geb., 49,- [Euro].

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