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: Der kleine Lederball und die große Weltdemokratie

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Seinem pädagogischen Manifest gibt er den für sein ganzes Werben und Wirken programmatischen Titel: "Der Fußballsport als Kulturfaktor im englischen Volksleben". Es erscheint im November 1910 im Deutschschweizer Magazin "Sport", wird umgehend ins Jahrbuch des Deutschen Fußball-Bundes übernommen und erhält damit eine Art offizieller Weihe.

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          Seinem pädagogischen Manifest gibt er den für sein ganzes Werben und Wirken programmatischen Titel: "Der Fußballsport als Kulturfaktor im englischen Volksleben". Es erscheint im November 1910 im Deutschschweizer Magazin "Sport", wird umgehend ins Jahrbuch des Deutschen Fußball-Bundes übernommen und erhält damit eine Art offizieller Weihe. Walther Bensemann, der Verfasser, ist damals siebenunddreißig Jahre alt und Lehrer an der Birkenhead School in Liverpool. Fußball, Kultur, England: Das ist der Lebensdreiklang des deutschjüdischen Bankierssohns aus Berlin, der als Zehnjähriger in eine Privatschule nach Montreux kam, sich dort von englischen Mitschülern für das neue Spiel begeistern ließ, mit vierzehn bereits "Sekretär" des gerade gegründeten "Footballclub Montreux" wurde, um 1889 als sechzehnjähriger Gymnasiast in Karlsruhe den ersten Fußballverein im Süden Deutschlands dann gleich selbst ins Leben zu rufen.

          Das Manifest von 1910 atmet den Geist eines selbstbewussten Bildungsbürgertums, rekurriert also gleich zu Beginn auf "die ästhetische Weltauffassung der alten Griechen" und findet ganz im Sinne Friedrich Schillers in der "Seelengröße" den "tiefen Sinn des kindlichen Spiels". Sofort aber verbindet sich Bensemanns deutscher Idealismus mit sozialpragmatischen Erwägungen der englischen Wahlheimat. Er referiert Untersuchungen, denen zufolge Hunderttausende von Arbeitern an den Spieltagen der Profis, also am Mittwoch und am Samstag, jeweils "von 1 - 7 Uhr" am Nachmittag den Wirtshäusern entzogen seien und damit den "Hauptteil des Wochenlohnes" brav bei "Frau und Familie" ablieferten - die Berufsspieler nennt er deshalb den "Segen der Nation".

          Weitere wirtschaftliche und erzieherische Aspekte des Fußballs passieren Revue, "Selbstbeherrschung und Selbstzucht" werden gerühmt - mit der Formel "Play the game" meine der Engländer keineswegs nur das Spiel, sondern das ganze Leben. Zumindest "auf kurze Zeit" hebe aber das Spiel selbst alle Unterschiede auf: "Arbeiter und Student, Graf und Bürgersmann sind sich auf dem Fußballplatze gleich." Mit Argumenten bestens gerüstet, steuert Bensemann nun entschlossen auf seine Gesellschaftsutopie zu: In England, notiert er, sei der Fußball längst "zum Kulturfaktor" geworden, er sei jedoch auch eine "machtvolle ethische Bewegung", die schon in absehbarer Zeit erhoffen lasse, dass "Spannungsverhältnisse zwischen gebildeten Nationen auf dem grünen Rasen", mithin abseits und jenseits der Schlachtfelder ausgetragen würden. Und wenn dieser Tag komme, werde "der kleine Lederball im Rate der Völker als Friedenssymbol vorschweben".

          Schon allein diesen emphatischen Text nach vielen Jahrzehnten wieder zugänglich zu machen ist aller Ehren wert. Für den Herausgeber Bernd-M. Beyer ist er jedoch vor allem eine Zugabe, wenngleich eine schöne und lohnenswerte. Ohnehin gebührt dem Göttinger Lektor und Verleger das Verdienst, den weitgehend in Vergessenheit geratenen Walther Bensemann für die Öffentlichkeit wiederentdeckt zu haben. Vor fünf Jahren porträtierte ihn Beyer für Dietrich Schulze-Marmelings ausgezeichneten Sammelband "Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball", gleich danach widmete er ihm die Romanbiographie "Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte". Für die nun erschienene Anthologie versammelt er eine Auswahl jener Artikel, Erzählungen und Kommentare, die Bensemann von 1920 an als Gründer und Chefredakteur des "Kicker" schrieb - im Kapitel "Vorgeschichten" findet das Manifest von 1910 dabei den ihm gebührenden Ehrenplatz.

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