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: Der Klassiker aus dem Giftschrank

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Als Franz Schnabel 1931 eine Rede zum hundertsten Todestag von Barthold Georg Niebuhr hielt, dem revolutionären Begründer der kritischen Geschichtsforschung, war das letzte Wort des Redners, der Abschluss seiner kritischen Auseinandersetzung mit der historischen Bildung seiner Gegenwart, ein Zitat von Paul de Lagarde.

          Als Franz Schnabel 1931 eine Rede zum hundertsten Todestag von Barthold Georg Niebuhr hielt, dem revolutionären Begründer der kritischen Geschichtsforschung, war das letzte Wort des Redners, der Abschluss seiner kritischen Auseinandersetzung mit der historischen Bildung seiner Gegenwart, ein Zitat von Paul de Lagarde. Schnabel war in der Historikerzunft einer der wenigen entschiedenen Verteidiger der Weimarer Republik. Der liberale Katholik analysierte den deutschen Nationalismus als politische Religion aus dem Geist haltsuchender romantischer Intellektualität. Der 1891 verstorbene Lagarde war einer der Propheten dieser Religion und hatte das schmutzigste Kapitel ihres Evangeliums geschrieben: Der Göttinger Ordinarius für Orientalistik war sozusagen der seriöseste Antisemit Deutschlands, lieh dem Judenhass das Prestige des weltberühmten Kenners der semitischen Sprachen und Editors der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen heiligen Schriften.

          Seit Fritz Sterns Studie über die Politik des Kulturpessimismus von 1961 ist Lagarde als Unheilsbringer kanonisiert. Der Rang, der ihm bis 1945 von den Feinsinnigsten der Gebildeten zugeschrieben wurde, ist eines der seltsamsten Phänomene der neueren Geistesgeschichte. Ein Klassiker ist verschwunden. Denn Schnabel stand nicht allein mit der Hochschätzung eines Autors, der sich verdächtig gut zur buchkulturindustriellen Verwertung eignete: Die postumen Volksausgaben bestanden aus Zitatmontagen. Der wegen seiner jüdischen Vorfahren bedrängte Dichter Rudolf Borchardt zählte Lagarde wie selbstverständlich unter den echten Quellen des von den Nationalsozialisten verunreinigten deutschen Geistes auf. Ernst Troeltsch, der Heros der zur orientierenden Kulturwissenschaft verwandelten liberalen Theologie, widmete dem Andenken seines Göttinger Lehrers einen Band seiner Werke.

          Christian Morgenstern hatte in einem bewegenden Gedicht die testamentarische Verfügung getroffen, ihn in dem Dorf Niblum auf der Insel Föhr unter dem kategorischen Imperativ der Kulturkritik beizusetzen, einem ewigen Aufruf zur Umkehr durch Lektüre: "Zu Niblum will ich mich rasten aus / Von aller Gegenwart. / Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus / Nur den Namen und: ,Lest Lagarde!' / Ja, nur die zwei Dinge klein und groß: / Diese Bitte und dann meinen Namen bloß. / Nur den Namen und: ,Lest Lagarde!'"

          Ulrich Sieg nähert sich dem durch den Namen, der zur Losung wurde, bezeichneten Rätsel, indem er herausarbeitet, in wie naher persönlicher Berührung der 1827 als Paul Bötticher geborene Gelehrte mit der klassischen Epoche der deutschen Kultur stand. Sein Mentor in der Orientalistik war der in den Nachmärz hineinragende romantische Dichter Friedrich Rückert. Als kleiner Junge spielte er zu Füßen Schleiermachers. Durch Niebuhrs "Römische Geschichte" arbeitete er sich als Gymnasiast. Niebuhrs früherer Sekretär, der schillernde Universalhistoriker und spekulative Theologe Christian Karl Josias von Bunsen holte ihn als preußischer Botschafter zu Bibliotheksstudien nach London.

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