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: Der Klang der Geschichte

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Wagemut ist alles. Nur mutige Autoren können wirklich gute Bücher schreiben. Autoren, die etwas wagen, die hoch hinaufsteigen, in Höhen, in denen vor ihnen keiner war, oder in Tiefen hinab, die so dunkel und verlassen sind, dass sie fast unbewohnbar scheinen. Autoren, die auf ihren Expeditionen auch immer ...

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          Wagemut ist alles. Nur mutige Autoren können wirklich gute Bücher schreiben. Autoren, die etwas wagen, die hoch hinaufsteigen, in Höhen, in denen vor ihnen keiner war, oder in Tiefen hinab, die so dunkel und verlassen sind, dass sie fast unbewohnbar scheinen. Autoren, die auf ihren Expeditionen auch immer wieder abstürzen, sich verlaufen, neu ansetzen, beim Schreiben Neues erfahren und damit den Leser immer wieder überraschen. Denn auf jeder neuen Seite kann ein neuer Abgrund sein. Oder ein Gipfel, eine Weisheit. Eine Lösung für alles, eine Revolution, der Alltag oder das Nichts.

          Ein solcher Autor scheint Wolfgang Schlüter zu sein. Der Mann ist 59 Jahre alt, hat lange für die Arno-Schmidt-Stiftung gearbeitet, dann als Übersetzer, bevor er mit dem Schreiben begann. Sein neuer Roman jedenfalls, "Anmut und Gnade", der auch für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, ist ein solches Buch, ein mutiges Buch, interessant, eigenwillig, mittendrin auch mal ordentlich missraten, so dass man es schon wegpfeffern will, das Buch, aber insgesamt einfach neu und altmodisch, widerständig, schwierig und schön.

          Absturz eines Sterns

          Es ist ein Opernroman und ein Revolutionsroman, in dem es um Kunst im Absolutismus geht und um absolute Kunst, um einen Mordanschlag gegen Ludwig XV. und um die Aufstände in den Banlieues im Paris der Gegenwart. Vor allem aber geht es um Oper. Es geht um Rameau, den Organisten, Komponisten und Musikrevolutionär Jean-Philippe Rameau, der mit seiner Harmonielehre von 1722 die Opernwelt erschütterte, der spät, mit fünfzig Jahren, zum Hofkomponisten des Königs ernannt wurde und sich von Voltaire Libretti schreiben ließ, der von Rousseau bewundert und verachtet wurde, von Diderot verspottet, vom König bezahlt, aber nicht geliebt, der am Ende seines Lebens ein wichtiges Werk geschaffen hatte und zwischen allen Stühlen saß.

          Doch zunächst sehen wir ein Flugzeug, es ist auf dem Weg nach Genf, der Geburtsstadt Rousseaus, doch im Himmel über Dijon, der Geburtsstadt Rameaus, bekommt die Hydraulik ein Leck, es brennt, die Triebwerke explodieren, und ein Winzer steht am Hang seines Weinbergs und sieht ein Licht, einen Sternentanz, in die Mikrofone der Fernsehteams spricht er von einem "grauenvollen, aber doch eigentlich schönen, jedenfalls sublimen Anblick". Die Fernsehsender schneiden diese frivole Beschreibung aus ihren Beiträgen später lieber heraus. An Bord des Flugzeugs war ein barockes Musik-Ensemble, das in Paris mit der Aufführung der Rameau-Oper "Les Indes Galantes" einen phantastischen Triumph gefeiert hatte.

          Und der Roman blendet zurück und zurück. Mal in die jüngste Vergangenheit, hinein in den Probenraum des Ensembles in Paris, wo der österreichische Dirigent seiten- und seitenweise freundlich-tyrannisch und genial die Musiker Ton für Ton auf die barocke Klangwahrheit einschwört, dann immer weiter, viel weiter zurück, in die Zeit der Triumphe des Komponisten Lully, an dessen Erfolgen sich Rameau später ein Leben lang messen lassen muss, dann in die Rameau-Welt hinein, die Kämpfe von damals, und wieder nach vorn in die Gegenwart, in den Probenraum nach Paris, ins Jahr 2003, wo gerade die ersten großen Aufstände in den Banlieues losbrechen und sich langsam in die Innenstadt vorkämpfen, bis zur Bastille, bis zur Oper.

          Erzählt wird all das von Walter Mardtner, dem Pressesprecher, Organisator und Mädchen für alles des kleinen Ensembles. Er fährt lieber Zug, als zu fliegen. Das wird ihm noch das Leben retten. Und schon zu Anfang erweist sich diese Liebe zum Zug als schicksalhaft. Auf seiner Fahrt nach Paris begegnet er dem rätselvollen Antiquar Grünspan, der ihm ein Konvolut alter Texte anvertraut. Diese Texte, einstmals von einem wohl fiktiven Jean Devin zusammengetragen, führen Mardtner - und mit ihm den Leser - immer wieder in die Vergangenheit, in Gespräche von damals, Briefe Rousseaus an Voltaire über das gute Leben und die gute Musik. Und vor allem immer wieder über die Frage, ob eine radikale Erneuerung der Kunst in einem verrotteten System, das überwunden werden muss, überhaupt möglich ist. Oh, wie Mardtner sie fechten lässt - Voltaire gegen Rousseau, Voltaire gegen Rameau, Rousseau gegen Rameau, immer geistreich, immer neu. Manches ist aus historischen Schriften zitiert, anderes nachempfunden. Ein bisschen stört es, dass man nie weiß, was ist jetzt ein Zitat, was ist erdacht. Aber wenn er das Echte dann kursiv markiert, stört es irgendwie auch und lässt das Erdachte unglaubwürdig erscheinen. Es wirkt insgesamt organisch und wahr und schön ausgedacht, wie die kleine Pointe, nachdem sich Voltaire und Rameau wieder einmal seitenweise über die Frage des besten Lebens gestritten haben und Voltaire sibyllinisch droht: "Noch wird Ihr Werk von Gruppen in der Gesellschaft gestützt, die an unserem repräsentativen, starren Absolutisme den geringsten Nutzen haben. Aber das könnte sich einmal ändern." Darauf Rameau mit gequältem Lächeln: "Vielleicht entginge ich der Gefahr, wenn wir wieder einmal eine Gemeinschaftsarbeit projectirten?" Und Voltaire gibt zu, genau dies sei sein Ziel gewesen.

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