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: Der Kampfhund Europas

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Wer, angelockt von dem Buchtitel, Aufklärung über die neuen weltpolitischen Gegensätze und Herausforderungen erwartet hat, sieht sich getäuscht. Hier geht es um die Konflikte, die der streitbare Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler mit einigen seiner Kollegen und einer Reihe von Politikern ...

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          Wer, angelockt von dem Buchtitel, Aufklärung über die neuen weltpolitischen Gegensätze und Herausforderungen erwartet hat, sieht sich getäuscht. Hier geht es um die Konflikte, die der streitbare Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler mit einigen seiner Kollegen und einer Reihe von Politikern über die Frage hat, welche Lehren aus der deutschen Geschichte des vorigen Jahrhunderts zu ziehen sind.

          Das ist das übliche Geschäft renommierter Historiker, die nach der Vollendung ihres Hauptwerks sich um dessen Gebrauchsanweisung sorgen. Vor acht Jahren bereits hat Wehler unter dem etwas gelassener klingenden Titel "Die Gegenwart als Geschichte" eine ähnliche Sammlung kleinerer Aufsätze, größerer Rezensionen und politischer Stellungnahmen herausgegeben. Damals ging es ihm vor allem darum, vor einer Wiederkehr des Nationalismus in Europa und Deutschland zu warnen. Dieses Thema taucht auch in der jetzt veröffentlichten Textsammlung wieder auf, aber mit niedrigerem Stellenwert. Diesmal geht es vor allem gegen ein nationalistisches Sendungsbewußtsein der Vereinigten Staaten. Wehler hat sich lange mit dem amerikanischen Imperialismus beschäftigt und kann auf ein breites Wissen zurückgreifen, das es ihm erlaubt, mit leichter Hand Fäden zu knüpfen und Verbindungen herzustellen. Vor den Vereinigten Staaten also wird gewarnt!

          Nun wäre es eigentlich wünschenswert, wenn die Historiker, die in Deutschland seit dem neunzehnten Jahrhundert die einflußreichsten Orientierungsberater von Politik und Gesellschaft sind, nicht nur nach veränderter Großwetterlage ihre Warn- und Hinweisschilder austauschen, sondern auch erläutern, warum sie diesen Austausch für notwendig halten. Auch Wehler hält sich mit solchen Erläuterungen zurück. Zugegeben: Wer stets an erster Front im Kampf steht, kann sich keine kritische Reflexion auf frühere Stellungnahmen leisten, sondern muß den Feind im Auge behalten, gleichgültig ob es sich dabei um revisionistische Historiker, amerikanische Politiker oder Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn handelt. Vor allem vor letzterer wird gewarnt!

          Neben dem Ausblick auf zentrale Krisenherde unserer Zeit - Afrikas Kindersoldaten als Chiffre - ist eine Hauptsorge Wehlers die in seiner Sicht riskante Weiterentwicklung der Europäischen Union. Hat der amerikanische Historiker Paul Kennedy vor Jahren die Vereinigten Staaten vor einem "imperial overstretch" gewarnt, so warnt Wehler die Europäer vor einem "cultural overstretch". Es geht um den EU-Beitritt der Türkei. Sie sei mit Europa weder ökonomisch noch verfassungspolitisch kompatibel. Das wäre vielleicht noch zu verkraften, und der gegenwärtige Abstand könnte in einer langen Übergangsperiode, wie dies bei der Heranführung von EU-Beitrittskandidaten üblich ist, schrittweise verringert werden. Was in Wehlers Sicht aber die Türkei ein für alle Mal von Europa trennt, ist der kulturelle Gegensatz. Das christlich geprägte Europa, wie es Wehler vor Augen hat, kann die trotz Kemal Atatürk und seiner Anhänger islamisch geprägte Türkei nicht verkraften. Vor der Türkei wird gewarnt!

          Es erstaunt freilich schon, wenn ein so engagierter Kritiker des Nationalismus, der in der vorliegenden Textsammlung obendrein dem Nationalstaat einmal mehr den Totenschein ausstellt, derart sorglos in der Kiste der kulturalistischen Distanzargumente kramt. Ohne Wenn und Aber wird hier das Projekt der europäischen Integration auf kulturelle Identität gepolt, wie sie in dieser Weise eine der klassischen Vorgaben der Nationalstaatsbildung und stets eine Ressource des Nationalismus gewesen ist: Achtzig und demnächst neunzig Millionen islamisch geprägte Türken können die christlichen Europäer nicht verkraften! Sie sind uns zu fremd! Man muß die Probleme eines türkischen EU-Beitritts nicht kleinreden, um vor dem hier insinuierten Homogenitätsprojekt Europa zurückzuschrecken. Vor Wehler muß gewarnt werden.

          Natürlich hat Wehler damit recht, wenn er die notorisch vernachlässigte Debatte über die Finalität Europas anmahnt, also die Entscheidung darüber, wo der Anfang der siebziger Jahre in Gang gekommene Beitrittsprozeß an seine Grenze kommt und Europa saturiert ist. Und womöglich hat er auch damit recht, wenn er hinter dem amerikanischen Drängen auf Aufnahme immer weiterer Länder das Bestreben vermutet, die Europäer durch Integrationsüberlastung daran zu hindern, zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten der Vereinigten Staaten zu werden. Ob Anatolien, Israel und die Maghreb-Länder zu Europa gehören, ist tatsächlich die Frage.

          Aber es ist keine Frage, daß sie ein Problem für die von Europa herzustellende politische wie wirtschaftliche Stabilität des Großraums darstellen. Dieses Problem ist ein Problem Europas, und es ist schwerlich mit kulturalistischen Distanzerklärungen zu lösen. An einem kulturalistisch imprägnierten Isolationismus würde Europa in der Epoche der Globalisierung scheitern. Wenn aber die Vollmitgliedschaft aller Interessenten Europa wirtschaftlich überfordert und politisch handlungsunfähig macht, dann wird man über Hegemonialstrukturen nachdenken müssen, bei denen ein Kernbereich von immer schwächer integrierten Ringen der Peripherie umgeben ist. Gelegentlich nähert sich Wehler einem solchen Ordnungsmodell. Aber er schreckt davor zurück, es zu durchdenken und auszuformulieren. Statt dessen flüchtet er sich in eine christliche Identität Europas. Wehler kämpft. Aber gelegentlich sucht er auch intellektuelles Kirchenasyl.

          Hans-Ulrich Wehler: "Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts". Essays. C. H. Beck Verlag, München 2003. 240 S., br., 12,90 [Euro].

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